Leiden des jungen Werther's. 15
jugendliche Reize gewaltſam an ſich zog und feſſelte, kann ich mir nur in meiner innerſten Seele wiederholen. Ich hab' in meinem Leben die dringende Begierde und das heiße, ſehnliche Verlangen nicht in dieſer Reinheit geſehen; ja wohl kann ich ſagen, in dieſer Reinheit nicht gedacht und geträumt. Schelte mich nicht, wenn ich dir ſage, daß bei der Erin⸗ nerung dieſer Unſchuld und Wahrheit mir die innerſte Seele glüht, und daß mich das Bild dieſer Treue und Zärtlich⸗ keit überall verfolgt, und daß ich, wie ſelbſt davon entzün⸗ det, lechze und ſchmachte!
Ich will nun ſuchen, auch ſie eheſtens zu ſehen, oder vielmehr, wenn ich's recht bedenke, ich will's vermeiden. Es iſt beſſer, ich ſehe ſie durch die Augen ihres Liebhabers; vielleicht erſcheint ſie mir vor meinen eigenen Augen nicht ſo, wie ſie jetzt vor mir ſteht; und warum ſoll ich mir das ſchöne Bild verderben?
Am 16. Junius.
Warum ich dir nicht ſchreibe?— Fragſt du das, und biſt doch auch der Gelehrten einer? Du ſollteſt rathen, daß ich mich wohl befinde, und zwar— kurz und gut, ich habe eine Bekanntſchaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe— ich weiß nicht—
Dir in der Ordnung zu erzählen, wie's zugegangen iſt, daß ich eines der liebenswürdigſten Geſchöpfe habe kennen lernen, wird ſchwer halten. Ich bin vergnügt und glücklich, und alſo kein guter Hiſtorienſchreiber.
Einen Engel! Pfuil! das ſagt jeder von der Seinigen. Nicht wahr? Und doch bin ich nicht im Stande, dir zu ſa⸗ gen, wie ſie vollkommen iſt, warum ſie vollkommen iſt; ge⸗ nug, ſie hat allen meinen Sinn gefangen genommen.
So viel Einfalt bei ſo viel Verſtand, ſo viel Güte bei ſo viel Feſtigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben und der Thätigkeit!—
Das iſt alles garſtiges Gewäſch, was ich da von ihr ſage, leidige Abſtractionen, die nicht einen Zug ihres Selbſt aus⸗ drücken. Ein andermal— nein, nicht ein andermal, jetzt gleich will ich dir's erzählen. Thu ich's jetzt nicht, ſo ge⸗ ſchäh' es niemals. Denn, unter uns, ſeit ich angefangen


