Leiden des jungen Werther's. 7
mer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten, als glaubten ſie durch Annäherung zu verlieren; und dann jebt's Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die ſich herab zu 1 kaſſen ſcheinen, um ihren Uebermuth dem armen Volke L deſto empfindlicher zu machen.
. Ich weiß wohl, daß wir nicht gleich ſind, noch ſein kön⸗ nen: aber ich halte dafür, daß der, der nöthig zu haben glaubt, vom ſogenannten Pöbel ſich zu entfernen, um den Reſpect zu erhalten, eben ſo tadelhaft iſt als ein Feiger, der ſich vor ſeinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet.
Letzthin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienſtmädchen, das ihr Gefäß auf die unterſte Treppe ge⸗ ſetzt hatte und ſich umſah, ob keine Kamerädin kommen wollte, ihr es auf den Kopf zu helfen. Ich ſtieg hinunter, und ſah ſie an. Soll ich Ihr helfen, Jungfer? ſagte ich. — Sie ward roth über und über. O nein, Herr! ſagte ſie. — Ohne Umſtände!— Sie legte ihren Kringen zurecht, und ich half ihr. Sie dankte und ſtieg hinauf.
Den 17. Mai.
Ich habe allerlei Bekanntſchaft gemacht; Geſellſchaft habe ich noch keine gefunden. Ich weiß nicht, was ich Anzügliches für die Menſchen haben muß; es mögen mich ihrer ſo viele und hängen ſich an mich, und da thut mir's weh, wenn unſer Weg nur eine kleine Strecke mit einander geht. Wenn
du fragſt, wie die Leute hier ſind? muß ich dir ſagen: Wie überall! Es iſt ein einförmiges Ding um das Menſchen⸗ geſchlecht. Die meiſten verarbeiten den größten Theil der Zeit, um zu leben, und das bischen, das ihnen von Frei⸗ heit übrig bleibt, ängſtigt ſie ſo, daß ſie alle Mittel aufſu⸗ chen, um es los zu werden. O Beſtimmung des Menſchen! 3 Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manch⸗ mal vergeſſe, manchmal mit ihnen die Freuden genieße, die den Menſchen noch gewährt ſind, an einem artig beſetzten Tiſch mit aller Offen⸗ und Treuherzigkeit ſich herumzuſpa⸗ ßen, eine Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzu⸗ ordnen, und dergleichen, das thut eine ganz gute Wirkung aauf mich; nur muß mir nicht einfallen, daß noch ſo viele


