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Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
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Leiden des jungen Werther's.

gehen, wo unten das klarſte Waſſer aus Marmorfelſen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfaſſung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts das hat alles ſo was Anzügliches, was Schauer⸗ liches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da ſitze. Da kommen dann die Mädchen aus der Stadt und holen Waſſer, das harmloſeſte Geſchäft und das nöthigſte, das ehemals die Töchter der Könige ſelbſt verrichteten. Wenn ich da ſitze, ſo lebt die patriarchaliſche Idee ſo lebhaft um mich, wie ſie alle, die Altväter, am Brunnen Bekanntſchaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohlthätige Geiſter ſchweben. O, der muß nie nach einer ſchweren Sommertagswanderung ſich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann.

Am 13. Mai.

Du fragſt, ob du mir meine Bücher ſchicken ſollſt? Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, laß mir ſie vom Halſe! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert ſein; brauſ't dieſes Herz doch genug aus ſich ſelbſt; ich brauche Wiegengeſang, und den habe ich in ſeiner Fülle ge⸗ funden in meinem Homer. Wie oft lull' ich mein empörtes Blut zur Ruhe; denn ſo ungleich, ſo unſtät haſt du nichts geſehen als dieſes Herz. Lieber! brauch' ich dir das zu ſagen, der du ſo oft die Laſt getragen haſt, mich vom Kummer zur Ausſchweifung, und von ſüßer Melancholie zur ver⸗ derblichen Leidenſchaft übergehen zu ſehen! Auch halte ich mein Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm geſtattet. Sage das nicht weiter! es giebt Leute, die mir es verübeln würden.

Am 15. Mai.

Die geringen Leute des Ortes kennen mich ſchon, und lieben mich, beſonders die Kinder. Wie ich im Anfange mich zu ihnen geſellte, ſie freundſchaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte ihrer ſpotten, und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrie⸗ ßen; nur fühlte ich, was ich ſchon oft bemerkt habe, auf das lebhafteſte: Leute von einigem Stande werden ſich im⸗