3. Leiden des jungen Werther's. 5
— Am 10. Mai.
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele ein⸗ genommen, gleich den ſüßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein, und freue mich meines Lebens in dieſer Gegend, die für ſolche Seelen ge⸗ ſchaffen iſt, wie die meine. Ich bin ſo glücklich, mein Beſter, ſo ganz in dem Gefühle von ruhigem Daſein verſunken, daß meine Kunſt darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler geweſen, als in dieſen Augenblicken. Wenn das liebe Thal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurch⸗ dringlichen Finſterniß meines Waldes ruht, und nur ein⸗ zelne Strahlen ſich in das innere Heiligthum ſtehlen, ich dann im hohen Graſe am fallenden Bache liege, und näher 4 an der Erde tauſend mannichfaltige Gräschen mir merk⸗ würdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwiſchen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Geſtalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach ſeinem Bilde ſchuf, das Wehen des Allliebenden, der uns in ewiger Wonne ſchwebend trägt und erhält! Mein Freund, wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhen wie die Geſtalt einer Geliebten; dann ſehne ich mich oft und denke: Ach! könnteſt du das wieder ausdrücken, könnteſt dem Papier das einhauchen, was ſo voll, ſo warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele iſt der Spiegel des unendlichen Gottes!— Mein Freund!— Aber ich gehe darüber zu Grundo, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieſer Erſcheinungen.
Am 12. Mai.
Ich weiß nicht, ob täuſchende Geiſter um dieſe Gegend ſchweben, oder ob die warme, himmliſche Phantaſie in * meinem Herzen iſt, die mir alles rings umher ſo paradieſiſch macht. Da iſt gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brun⸗ nen, an den ich gebannt bin, wie Meluſine mit ihren Schwe⸗ ſtern.— Du gehſt einen kleinen Hügel hinunter, und findeſt dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinab⸗


