Druckschrift 
Leiden des jungen Werther's / von J. von Goethe
Einzelbild herunterladen

Leiden des jungen Werther's.

andere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern, und die ich ſorgfältig verbergen muß. Ach, das engt das ganze Herz ſo ein! Und doch! mißverſtanden zu werden iſt das Schickſal von unſer Einem.

Ach, daß die Freundin meiner Jugend dahin iſt! ach, daß ich ſie je gekannt habe! Ich würde ſagen, du biſt

ein Thor; du ſuchſt, was hienieden nicht zu finden iſt. Aber

ich habe ſie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir ſchien mehr zu ſein, als ich war, weil ich alles war, was ich ſein konnte. Guter Gott! blieb da eine einzige Kraft meiner Seele ungenutzt? Konnt' ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl ent⸗ wickeln, mit dem mein Herz die Natur umfaßt? War unſer Umgang nicht ein ewiges Weben von der feinſten Empfin⸗ dung, dem ſchärfſten Witze, deſſen Modificationen bis zur Unart alle mit dem Stempel des Genie's bezeichnet waren? Und nun! Ach, ihre Jahre, die ſie voraus hatte, führten

ſie früher an's Grab als mich. Nie werde ich ſie vergeſſen,

nie ihren feſten Sinn und ihre göttliche Duldung.

Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V. an, einen offenen Jungen, mit einer gar glücklichen Geſichtsbildung. Er kommt erſt von Akademien, dünkt ſich eben nicht weiſe, aber glaubt doch, er wiſſe mehr als andere. Auch war er fleißig, wie ich an allerlei ſpüre; kurz, er hat hübſche Kennt⸗ niſſe. Da er hörte, daß ich viel zeichnete und Griechiſch könnte(zwei Meteore hier zu Lande), wandte er ſich an mich, und kramte viel Wiſſens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles zu Winckelmann, und verſicherte mich, er habe Sulzer's Theorie, den erſten Theil, ganz

durchgeleſen, und beſitze ein Manuſcript von Heynen über

das Studium der Antike. Ich ließ das gut ſein.

Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen, den fürſtlichen Amtmann, einen offenen, treuherzigen Men⸗ ſchen. Man ſagt, es ſoll eine Seelenfreude ſein, ihn unter ſeinen Kindern zu ſehen, deren er neun hat; beſonders macht man viel Weſens von ſeiner älteſten Tochter. Er

hat mich zu ſich gebeten, und ich will ihn eheſter Tage be⸗

ſuchen. Er wohnt auf einem fürſtlichen Jagdhofe, anderthalb Stunden von hier, wohin er nach dem Tode ſeiner Frau

e