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Zufriedenheit Anderer wirken kann; ſo erhub er mittelmaͤ⸗ ßige Talente, durch die deutliche Einſicht, die er ihnen unmerklich verſchaffte, zu einer bewundernswuͤrdigen Faͤ⸗ higkeit. Nicht wenig trug dazu bey, daß er auch Ge⸗ dichte leſen ließ, und in ihnen das Gefuͤhl jenes Rei⸗ zes erhielt, den ein wohlvorgetragener Rhythmus in un⸗ ſrer Seele erregt, anſtatt daß man bey andern Geſell⸗ ſchaften ſchon anfing, nur diejenige Proſa vorzutragen, wozu einem Jeden der Schnabel gewachſen war.
Bey ſolchen Gelegenheiten hatte er auch die ſaͤmmt⸗ lichen angekommenen Schauſpieler kennen lernen, das was ſie waren, und was ſie werden konnten, beur⸗ theilt, und ſich in der Stille vorgenommen, von ihren Talenten, bey einer Revolution, die ſeiner Geſellſchaft drohete, ſogleich Vortheil zu ziehen. Er ließ die Sache eine Weile auf ſich beruhen, lehnte alle Interceſſionen Wilhelms fuͤr ſie mit Achſelzucken ab, bis er ſeine Zeit erſah, und ſeinem jungen Freunde ganz unerwartet den Vorſchlag that: er ſolle doch ſelbſt bey ihm aufs Theater gehen, und unter dieſer Bedingung wolle er auch die Uebrigen engagiren.
Die Leute muͤſſen alſo doch ſo unbrauchbar nicht ſeyn, wie Sie mir ſolche bisher geſchildert haben, verſetzte ihm Wilhelm, wenn ſie jetzt auf einmal zuſammen angenom⸗ men werden koͤnnen, und ich daͤchte, ihre Talente muͤſſten
auch ohne mich dieſelbigen bleiben.
Goethe's Werke. III. Bd. 29


