Neuuzehntes Capitel.
Indem nun Wilhelm auf dieſe Weiſe ſehr angeneh⸗ me Stunden zubrachte, befanden ſich Melina und die Uebrigen in einer deſto verdrießlichern Lage. Sie erſchie⸗ nen unſerm Freunde manchmal wie böſe Geiſter, und machten ihm nicht blos durch ihre Gegenwart, ſon⸗ dern auch oft durch flaͤmiſche Geſichter und bittre Re⸗ den einen verdrießlichen Angenblick. Serlo hatte ſie nicht einmal zu Gaſtrollen gelaſſen, geſchweige daß er ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht haͤtte, und hatte deßungeachtet nach und nach ihre ſaͤmmtlichen Faͤhigkeiten kennen gelernt. So oft ſich Schauſpieler bey ihm geſellig verſammelten, hatte er die Gewohn⸗
1
heit leſen zu laſſen, und manchmal ſelbſt mitzuleſen.
Er nahm Stucke vor, die noch gegeben werden ſollten, die lange nicht gegeben waren, und zwar meiſtens nur Theilweiſe. So ließ er auch, nach einer erſten Auffuͤh⸗
rung, Stellen, bey denen er etwas zu erinnern hatte,
wiederholen, vermehrte dadurch die Einſicht der Schau⸗ ſpieler, und verſtaͤrkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu treffen. Und wie ein geringer aber richtiger Verſtand
mehr als ein verworrenes und ungeläͤutertes Genie zur
8


