207 ihren Sohn! Schon war es ſo weit gekommen, daß ſie ihm verboten, vor ihrem Angeſicht zu erſcheinen, bis er aufgegeben, was ſie entſchloſſen war, ihm zu verſagen. Würde er es aufgeben oder ſollte ſie erle⸗ ben, daß er ſich um einer Fremden willen von ihr wandte?— Ihr Sohn, ihr Einziger!
Mit dem letzten Gedanken zugleich bohrte ſich ein Stachel durch ihr Bewußtſein. Das tiefe Auge der Tochter blickte ſie vorwurfsvoll an, und was vorhin bei deren Anblick wie aus lang verſchütteten Quellen empor geſtrömt war, ſchmerzliches Erbarmen geſellte ſich dem Vorwurf. Ja, ſie durfte ſich's nicht läugnen: Der Sohn war ihrem Leben nothwendig wie die Luft, die ſie athmete, ſ 3 nothwendig, daß nur ein Bruchtheil ihres Antheils übrig blieb für ihr zweites, ihr unglück⸗ liches Kind! Und doch liebte ſie auch dies Kind! Doch gehörte Paula, ſeit ein verhängnißvoller Fall ſie vom zarteſten Alter zum Siechthum verurtheilt, die mütter⸗ lichſte, ſorglichſte Pflege— Alles, nur jene Liebe nicht, die niemals geben will, ſondern immer geben muß. Tiefſtes Fremdſein ſtand als unſichtbare, undurchdring⸗ liche Mauer zwiſchen den Beiden. Das ſtündlich ge⸗ botene, ſtündlich geübte Zügeln ihres ungeſtümen Na⸗ turells der rührenden Schwäche Paula's gegenüber, legte der Mutter ewigen Zwang auf. Die Unmöglich⸗


