6
Und was führte ihn jetzt zu ihr?— Sorge? Theilnahme? hatte ſein ſtarres unduldſames Herz verziehen? oder— wie Fieberfroſt zog es ihr durch Mark und Bein wenn ſie des fernen Gatten dachte und den ſtillen wehmüthig ernſten Blick des finſtern Mannes ſo feſt, ſo entſetzlich feſt auf ſich gerichtet ſah.
„Um Gott!— was iſt geſchehen?“ flüſterte ſie endlich in kaum hörbaren, angſtdurchzitterten Tönen— „wo iſt René?— was iſt vorgefallen ehrwürdiger Herr?“ und das Kind, das auf dem Boden neben ihr geſpielt und die ſchmerzlichen Laute der Mutter hörte, ihre Thränen ſah, ſprang auf und klammerte ſich ſchreiend an ihr Knie, ſich nur wieder beruhigend als es den Schutz fühlte, den ihre Nähe gab. Aber der ehrwürdige Mr. Rowe ſchüttelte mit dem Kopf und ſagte ernſt:
„Wenn Du eine Unglücksbotſchaft fürchteſt, meine Tochter, ſo beruhige Dich, denn ſie kann nicht von mir ausgehen— ich weiß von keinem fleiſchlichen Leid, das Dich und die Deinen betroffen haben könnte. Aber nicht dem auch ſind Deine Thränen gefloſſen,“ ſetzte er wehmüthiger hinzu—„nicht die Furcht vor Krankheit oder Tod hat dieſe Wangen gebleicht, dieſe Augen geröthet— o Prudentia, ſind das die Früchte unſerer Lehren, das die freudigen Hoffnungen, die


