238 „ Das liebe Kind ſtarrte lang und ſinnend auf den golde⸗ nen Gottesboten nieder, der mit ſeinem holden Strahl dem zauberiſchen Plätzchen neue Schönheit verlieh, und dann zuckte ein Lächeln ihr um. den ſüßen, feingeſchnittenen Mund und lagerte ſich ſchmeichelnd in den Grübchen der ſammt⸗ weichen, wenn auch blaſſen Wangen, aber es war ein trau⸗ rig, ſchmerzerfülltes Lächeln, ein Lächeln wie der Sonnen⸗ blick, der über die Gräber von Schönheit und Jugend gleitet.
Plötzlich hob ſie ſich aus ihrer knieenden Stellung em⸗ por, ſteckte die Lilie an ihren Buſen und folgte leichten Schrittes den Windungen eines ſchmalen, moosbewachſenen Fußpfades, der um die Wurzeln altergrauer Bäume herum, über teppichartige Grasflächen und unter dichten ſchattigen Zweigen dahin führte, bis ſie endlich, auf dem Gipfel eines kleinen, Eichen gekrönten Hügels ſtehen blieb und das dichte Gewirr von Zweigen und Schößlingen zurückbiegend, auf einen ruhigen, glänzenden Waſſerſpiegel hinabſchaute, der in den Buſen der Gebirge hineingeſchmiegt, unter den über⸗ hängenden ſchwankenden, trinkenden Aeſten und Büſchen der Nachbarſtämme, unter dem Schutz der Höhen, wie ein Kind an dem Herzen der Mutter zu ſchlummern ſchien.
Das holde Weſen blickte hinaus auf dieſes wonnige Bild, das ſich wie ein lieblicher Traum vor ſeinen Augen entfaltete, aber ernſte Wehmuth überſchattete die engelſchö⸗ nen Zuge, als ob die Erinnerung der Vergangenheit ſchwer und ſcmerslic auf ihrer Seele laſte.
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