10 Der Löwe und ſeine Lebensweiſe.
Es war einige Jahre vor der Eroberung Konſtantine's durch die Franzoſen. Unter den Perſonen, von denen die Gefängniſſe überfüllt waren, befanden ſich auch zwei zum Tode Verurtheilte, zwei Brüder, welche am naͤchſten Tage hingerichtet werden ſollten. Sie waren Räuber, von denen man außerordentliche Kraft⸗ und Muthbeweiſe erzählte. Der Bey, welcher ihr Entkommen fürchtete, ließ ſie ſo feſſeln, daß ein Bein von Jedem in einen Eiſenring genietet wurde.
Wie es zugegangen, weiß Niemand, Allen aber iſt bekannt, daß das Gefängniß leer war als der Nachrichter erſchien, um die Verurtheilten abzuholen.
Nachdem die beiden Brüder, die entkommen waren, vergebens ſich bemüht hatten, den E Eiſenring, der ſie zuſammenfeſſelte, zu öffnen oder zu zerſprengen, gingen ſie querfeldein, um von Nie⸗ mandem geſehen zu werden und mit Niemand zuſammenzutreffen.
Den Tag über hielten ſie ſich unter Felſen verſteckt, Abends wanderten ſie weiter.
Mitten in der Nacht ſtießen ſte auf einen Löwen.
Anfangs warfen ſie mit Steinen nach ihm und ſchrien aus Leibeskräften, um ihn zu verſcheuchen, aber das Thier, das ſich vor ſie hingeſtreckt hatte, rührte ſich nicht von der Stelle. Da Schimpfworte und Drohungen nichts halfen, ſo verſuchten ſie es mit Bitten, aber der Löwe ſprang gegen ſie an, warf ſie nieder und verzehrte ſofort den Aeltern neben dem Bruder, der ſich nicht rührte und ſich todt ſtellte. Als er an das Bein kam, welches durch den Eiſenring feſtgehalten wurde und den Widerſtand fühlte, biß er es über dem Knie ab.
Als er geſättigt war oder Durſt fühlte, ging er an eine Quelle in der Nähe. Der arme Teufel aber, der am Leben geblie⸗ ben war, fürchtete, der Löwe werde zurückkommen, ſobald er ſei⸗ nen Durſt gelöſcht, ſah ſich alſo rings um, ob er nicht einen Zu⸗ fluchtsort finde. Dabei mußte er das an ihn geſchmiedete Bein


