Sechszigſtes Kapitel.
Schemel kannte Maria nur zu gut! Wie oft hatte ſte darauf geſeſſen, wie oft hatte ſie mit ihm geſpielt!
Ueberwältigt von all' dieſen Erinnerungen, überwältigt endlich vom Anblick der alten Frau, ihrer zweiten Mutter, eilte Maria auf die Erſtaunte zu, faßte ihre beiden Hände, kniete auf dem Schemel nieder und verbarg ihr Geſicht laut weinend an deren Bruſt. Auf's Höchſte überraſcht, aber mit ahnungsvollem Herzen blickte die Frau Welſcher auf die Frau zu ihren Füßen, dann aber erkannte ſie Lukas, der ebenfalls in's Zimmer getreten war und deſſen großes ſchwarzes Auge ſonderbar funkelte und glänzte. Doch dauerte die Ueberraſchung der Frau nur einige Sekunden. Wenn ſie auch die fremde Dame nicht erkannt, ſo wußte ſie doch jetzt und auf einmal ganz genau, welche Hände ſte in den ihrigen hielt. Sie beugte ihr Haupt herab, ſie hob das der jungen Frau in die Höhe, ſte blickte ihr lange in die fremd gewordenen, ihr früher ſo bekannten Züge, dann rannen ihr langſam die Thränen über das Geſicht herab und ſie ſagte mit zitternder, ungewiſſer Stimme:„Maria, du biſt es!“
Ja, ſte war es, ſie kehrte heim aus der Fremde, wo ſie ſo unendlich viel geduldet und gelitten, wo ſte endlich vor den Augen der Welt glücklich geworden war. Sie kehrte in ihre Vaterſtadt zurück, in dieß alte, geringe Haus, das ihre Gedanken, ihr Herz nie verlaſſen. Sie war Gattin und Mutter; aber ſie hatte in dem prächtigen Palaſte des Grafen von St. Alban nie jenes wohlthätige heimiſche Gefühl gefunden, das ſie jetzt durchſtrömte beim Anblick des alten Kapuzinerkloſters, dieſer vier weißen, ein⸗ fachen Wände.
Das Alles ſagte ſie mit vielen beredten Worten der alten Frau Welſcher, und ihre zweite Mutter verſtand ſte vollkommen.
Das kleine Bübchen blickte neugierig in dem einfachen Zim⸗ mer umher und verwunderte ſich höchlich, als ihm die Mutter


