360 Sechszigſtes Kapitel.
„Hier alſo hat ſie oft geſeſſen?“ ſagte die Dame, worauf Lukas ſchweigend mit dem Kopfe nickte und ſich mit der Hand über das Geſicht und den Bart ſtrich.
„Wer, Mama?a fragte der kleine Graf von St. Alban.
„Deine Großmutter,“ entgegnete die Dame mit zitternder Stimme,„die ſehr alt und elend war.“
Dem Kleinen ſchien das ein Spaß zu ſein, denn er blickte lächelnd zu ſeiner Mutter empor und ſchüttelte ſeinen ſchwarzen Lockenkopf.
Alle drei giengen durch den Gang unter dem Stadtgraben nach dem ehemaligen Kloſter. An der Thüre blieb die Dame ſtehen und beſchaute mit ängſtlicher Haſt die Treppen vor dem Hauſe, die alte Thüre, den großen eiſernen Klopfer: Alles war noch da, wie vor langen, langen Jahren, Alles nicht mehr und nicht weniger zerſtört, voll Löcher, voll Flecken und Roſt, wie damals, wo ſie aus der Tanzſtunde kam und Mühe hatte, mit ihren beiden kleinen Händchen den ſchweren Klopfer in die Höhe zu heben.
Maria preßte die Hand auf ihr Herz und athmete ſchwer auf, als ſie nun in den dunklen Hausgang trat. Da war die große Wendeltreppe mit dem morſchen braunen Holzgeländer, mit den ausgetretenen Stufen und mit dem alten holzgeſchnitzten Kapuziner, der hier unten ebenſo wie damals, mit ewig unver⸗ wandtem Blick nach der Thüre, Schildwache zu ſtehen ſchien. Hier nahm Lukas ſeinen Hut von dem Kopfe, wahrſcheinlich in ſtiller Verehrung vor dem alten Herrn.
Ddie Gräfin von St. Alban ſtützte ſich auf ſeinen Arm und ſte ſtiegen die Treppen hinauf. Da wurden bei jedem Tritt, den ſie that, bei jedem Winkel, an dem ſie vorbei kamen, tauſend Erinnerungen in ihr wach. Hier hatte ſie ſich verſteckt, dort hatte ſie hinabgelauſcht in das finſtere Haus, um zu hören, ob ſich der Kapuziner nicht zuweilen räuſpere; denn ſo hatten es die anderen


