352 Neunundfünßigſtes Kapitel.
träufelte, das— ich ſehe es ein— Ihr ganzes Lebensglück ver⸗ zehrt. Und doch kann ich Sie nicht ſo von mir laſſen. Ich liebe Charles, wie meinen Bruder; ich habe Sie kennen gelernt, Anna, Sie ſind wie ein Engel einem alten Manne erſchienen, der edler und beſſer iſt, wie Tauſende von uns; ich kann Sie nicht von mir laſſen, ich muß Sie meinem Freunde erhalten!“
„Unmöglich, Herr Graf!“ ſagte ernſt und beſtimmt das Mädchen.
„Warum unmöglich?“ erwiderte Alfons mit feſter Stimme nach einem tiefen Athemzuge.„Laſſen Sie mich meinem Freunde Alles ſagen— Alles, theure Anna, Ihre Fehltritte, Ihre Buße, Ihre Leiden! Ich will mit den Worten der Wahrheit Ihr ganzes Herze Ihre Seele vor ihm offen hinlegen, und wenn er Ihnen darauf nicht mit dem größten Entzücken ſeine Arme öffnet, ſich nicht glücklich ſchätzt, ein ſolches Weib zu beſitzen, wenn in ſeinem Geſichte der geringſte Zweifel zuckt, wenn nur eine Miene etwas Anderes, wie das unbeſchreiblichſte Glück ausſpricht, ſo— biete ich ſelbſt Ihnen meine Hand an, um ihm, um der Welt zu be⸗ weiſen, wie ich von Ihnen denke, für welches unſchätzbare Kleinod ich Ihr Herz, Ihre Seele halte.“
Das Mädchen war erſtaunt einen Schritt zurückgetreten; ſie ſah den Grafen mit ihren großen Augen feſt an und ein leichtes Lächeln ſtahl ſich über ihre bleichen Züge. Dann preßte ſte die Hand auf ihr Herz und ein langes: Ah! wie ein Seufzer der Befriedigung, des Glückes tönte aus dem Innerſten ihres Herzens empor.
„Was kümmert mich die Welt?“ fuhr der Graf leidenſchaft⸗ lich fort,„ich habe ſie verachten gelernt. Was kümmert mich meine Stellung?— Ich werfe ſte dahin. Ich könnte Ihnen ſagen, Anna, daß ich Sie ſeit jenem Augenblicke nicht vergeſſen, daß Ihr Bild, wenn auch unklar und unbewußt, mich nicht ver⸗ ließ.— Doch glaube nicht, Mädchen, daß ich dir eine Erklärung


