Teil eines Werkes 
3. Bd. (1851)
Entstehung
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350 Neunundfünßigſtes Kapitel.

nicht leiden und dulden, um wieder gut zu machen, was ich ein⸗ ſtens gefehlt? Bei dieſen Worten glänzte ihr Auge und ihre Stimme hob ſich.Glauben Sie ja nicht, Herr Graf, daß ich ihn vergeſſen habe. O ich liebe ihn inniger, ja leidenſchaftlicher, wie damals. Aber ich fürchte, ich würde ihn nur ſo lange lieben können, bis zu dem Momente, wo ich ihn wiederſehen müßte, wo ich ſeine Stimme hörte, wo mich ſeine Hand berührte. Dann wäre Alles vorbei, dann würde ich fühlen, daß ich kein Recht habe, ihn zu lieben, dann käme das entſetzliche Bewußtſein meines Unglücks meiner Schmach über mich, und ich wäre wieder ſo unerhört elend wie damals. Jetzt bin ich ruhiger geworden, und wenn ich ſo zurückdenke auf die Jahre, die ver⸗ floſſen ſind, ſo begreife ich nicht, wie ich, die ihn ſo wahr, ſo innig, ſo rein geliebt, je daran denken konnte, es könnten Tage kommen, wo mich jenes entſetzliche Bewußtſein nicht mehr quälen würde ja, wo ich ihm angehören könnte. Das iſt Alles vorbei, Herr Graf; ich bin dem Schickſal dankbar dafür, daß es mir vergönnte, Ihnen dieſe wenigen Worte ſagen zu können; es iſt mir eine Erleichterung, eine Beruhigung; und dann habe ich noch eine Bitte: Sie verſprechen mir feierlich, Herr Graf, ich kann das von Ihnen verlangen ihm meinen Namen jetzt nicht zu nennen; aber nach Jahren, vielleicht nach vielen Jahren, wenn Sie ihn dann wiederſehen, ſo ſprechen Sie von mir; o dann ſagen Sie ihm, wie unendlich ich ihn geliebt, weßhalb ich mich verborgen, weßhalb ich ihn geflohen, und daß ich mein ganzes Lebensglück mit Freuden geopfert, um ſeinen Namen rein zu erhalten!

Mit dieſen Worten hatte ſich Anna langſam erhoben und ihr glänzendes Auge blickte begeiſtert in die Höhe.

Nein, Anna! rief Alfons,dieß Verſprechen lege ich Ihnen nicht ab,bis jetzt ſprach ich mit meinem Freunde nicht von Ihnen; aber ich müßte mich ſelbſt verachten, wollte ich ihm