348 Neunundfünßigſtes Kapitel.
dabei faltete ſte ihre Hände und ihre erkünſtelte Ruhe wich einer heftigen Aufregung—„haben Sie Jemand davon geſagt, daß Sie mich wieder geſehen?— Haben Sie es ihm geſagt, daß ich hier in der Stadt bin, daß ich mich in ſeiner ehemaligen Woh⸗ nung befinde?— Nein, Sie haben das nicht gethan! Ich hoffe auf Sie.— Nicht wahr, Sie haben ihm nichts geſagt?“
„Nein, Anna,“ ſagte Alfons ſehr ernſt,„ich hielt es für beſſer, nicht davon zu ſprechen.“
„O, ich danke Ihnen dafür!“ entgegnete das Mädchen, „ich wußte es wohl, Sie wollen mir nicht auf's Neue meine Ruhe, meinen Frieden rauben.— Dann iſt Alles gut.“
Graf Alfons blickte ſie fragend an.
„Benetti,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, n„hat dieſes Schreiben an Sie gerichtet, er hat mich beauftragt, es bei der Dienerſchaft abzugeben. Sie werden mir verzeihen„Herr Graf, daß ich es ſelbſt in Ihre Hände lege.“
Graf Alfons nahm erſtaunt den Brief aus ihrer Hand, riß das Couvert ab und durchflog das Schreiben.
Der alte Italiener ſchrieb an den Chef des Hoftheaters:
„Euer Excellenz!
Euer Excellenz werden wiſſen, daß ich über fünfzig Jahre dem hieſtgen Theater diene. Schon ſeit zehn Jahren befand ich mich im Recht meiner vollen Penſions⸗Anſprüche, die ich aber nicht geltend machte, da ich mich noch in der Kraft und Laune fühlte, für das Inſtitut wirken zu können. Jetzt aber, Excellenz, beginnt dieſe Kraft nachzulaſſen, und zu gleicher Zeit fühle ich eine unbezwingbare Sehnſucht, noch einmal das Land zu ſehen, wo ich geboren; es zieht mich zurück nach dem ſchönen Italien,
dort möchte ich meine letzten Tage verbringen, um mich, wenn
ich ſterbe, begraben zu laſſen in der heiligen Erde Rom's. Euer Excellenz werden dieſe dringende Bitte eines alten Mannes und getreuen Dieners gerechtfertigt finden und Allerhöchſten Ortes


