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Anna. 345
lange ſchmale Geſicht in bläßgelber Farbe glänzte. In der Hand
trug ſte ein Gebetbuch und ihr Schritt war ſo abgemeſſen und feierlich, ihren Kopf trug ſie ſo wichtig und ſteif, die Augen blickten ſo unbeweglich, ja ſchwärmeriſch auf den Stadtrath, daß man hätte glauben ſollen, ſte probire den letzten Akt einer ſchreck⸗ lichen Tragödie, z. B. der Maria Stuart, und wandle geraden Wegs auf das Schaffot.— Aber ach, die Frau, die ſo ernſt mit dem Kopf nickte und ſich nach einer gelinden Handbewegung ſo feierlich auf ihren Stuhl niederließ, war kaum noch der Schatten der Hofräthin. Sie hatte mit dem Dieſſeits abgeſchloſſen, ſie lebte nur noch in freundlichen Betrachtungen des Jenſeits, und wenn ſie ſich ja, was aber höchſt ſelten vorkam, auf irdiſche
Weiſe beſchäftigte, ſo beſtand das neben den Kaffee⸗Geſellſchaften
ihrer Glaubens⸗Genoſſinnen in unendlichen Gardinen⸗Predigten, die ſte dem unverbeſſerlichen Hofrath hielt, der in Geſellſchaft ſeines, nunmehr wieder ledig gewordenen, Sohnes die Wirths⸗ häuſer wieder mehr als je frequentirte.
Der Stadtrath ſtellte den Doktor in beſter Form vor, be⸗ zeichnete ihn als einen unſerer erſten deutſchen Schriftſteller, der ſich bei einem größeren Werke, das er im Begriff ſei, herauszu⸗ geben, namentlich zur Aufgabe gemacht habe, die kirchlichen Ein⸗ richtungen der Reſidenz kritiſch zu beleuchten und hauptſächlich für die Sonntagsfeier dringende Verbeſſerungen vorzuſchlagen. Der Stadtrath garantirte in jeder Hinſicht für ſeinen„Freund“, den Doktor Stechmaier, und nach einer kurzen Unterredung er⸗ hielt der Letztere die beiden Zimmer um einen billigen Preis und begab ſich in den engliſchen Hof zurück, um ſeine Effekten in das neue Quartier bringen zu laſſen.—
Der Balletmeiſter Dubelli war ebenfalls vor einigen Tagen ausgezogen und traf nun zufällig an der Thüre des Gaſthofes mit dem Doktor zuſammen, worüber ſich Beide außerordentlich freuten. 4
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