Veunundfünßzigſtes Kapitel.
„So köͤnnen Sie ſich ganz auf mich verlaſſen, u Wigrneie der Doktor.
Nachdem der Stadtrath noch einen vorſichtigen Blick auf die Nebenthüre geworfen, verließ er mit dem angehenden Mieths⸗ manne ſeine Wohnung und ſtieg eine Treppe höher hinauf, zu derjenigen der Hofräthin, wo er ſich alsbald durch das Stuben⸗ mädchen anmelden gieß.
Sie traten in das Empfangzimmer, wo die violetten Plüſch⸗
möbel der ſeligen Schwiegertochter mit einem Ueberzug von
weißem Zeug verhüllt waren; nicht wegen der Trauer, vielmehr wegen des Staubes und der Motten. An der Wand hiengen in ſchweren goldenen Rahmen die Portraits des einſtigen jungen Eduards und ſeiner nunmehr dahingeſchiedenen Frau, der Hono⸗ ratiorentochter. Sie waren von einem der erſten Portrait⸗Künſtler der Reſidenz gefertigt; dieſer gefühlvolle Mann hatte ſich bemüht, in den zu einander hingeneigten Köpfen der beiden Portraits, wie in zwei Paar zärtlich ſchmachtenden Augen, der Nachwelt ein inniges glückliches Verhältniß ahnen zu laſſen, wie ſolches aber
leider bei dem Paare im dornenvollen Dieſſeits nie exiſtirt. Unter
dieſen Portraits bemerkte man ein Aquarell, die Söhne Eduard's vorſtellend; nicht die unglücklichen Sprößlinge der engliſchen Königsfamilie, ſondern die beiden Nachkommen des darüber hängenden Elternpaars. Wir würden dieſes Aquarell's nicht er⸗ wähnt haben, wenn es nicht ſo außerordentlich in Zeichnung und Farbe geweſen wäre, daß man es auf einige Schritte für eine Landſchaft hätte halten, oder wenn man einmal erkannt, daß es wirklich lebende Weſen geweſen ſeien, es nicht ebenſogut für eine kleine Bärenfamilie oder für eine Zucht junger Meerſchweine hätte anſehen können. 4
Doch die Thüre des Nebenzimmers öffnete ſich und die Hof⸗
räthin trat herein. Sie war ganz ſchwarz gekleidet, mit einem
kleinen weißen Kragen, über welchem das eingetrocknete, ſehr
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