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338 Neunundfünßzigſtes Kapitel.
zu geben, und als das geſchehen war, ſchien ſie wieder in ſtilles Nachdenken zu verſinken. Die Schwarzwälder Uhr pickte, der Kanarienvogel verſuchte einige Töne: doch war ſeine Zeit vor⸗ über und es wollte nicht recht mehr gelingen. Zuweilen auch glaubte der Doktor, es ſchnarche ein Mops im Nebenzimmer, doch da dieſer gelinde Schnarcher meiſt mit einem menſchlichen Räuſpern ſchloß, ſo erkannte er bald, daß es das ſchwere Athmen der Stadträthin ſei, welches er ſo unverantwortlich verkannt hatte.
Endlich wurde draußen die Glasthüre geöffnet, gleich darauf die Stubenthüre; der Doktor erhob ſich und Stadtrath Schwämmle
trat ein.
Der Stadtrath, obgleich bedeutend älter geworden, hatte immer noch ſo viel als thunlich ſein imponiren ſollendes Aeußere feſtgehalten. Sein Kinn vergrub er noch immer würdevoll in die Halsbinde, ja das Bäuchlein, das er ſich zugelegt, ſowie die ſilberne Brille gaben ſeiner ganzen Haltung etwas Wichtiges, Ehrwürdiges, zu welchem allein die ſehr geſchwinden Bewegun⸗ gen, die ſich der Stadtrath noch nicht abgewöhnt, nicht voll⸗ kommen im Einklange ſtanden. Seine Züge dagegen hatten bedeutend gealtert, ſein Haar war gebleicht, ſein Blick etwas kummervoll geworden. Er begrüßte den Fremden mit einem ſehr förmlichen Kopfnicken, dann fragte er:„wen habe ich die Ehre? Was verſchafft mir dieſe Ehre?“
Der Doktor nannte ſeinen Namen und ſagte, er habe im
Tagblatte geleſen, daß hier im Hauſe Nummero Vierundvierzig eine Wohnung von zwei Zimmern zu vergebeneſei, wornach man ſich in der Belletage zu erkundigen habe.
Der Stadtrath räuſperte ſich, rieb die nde über einander, nahm ein freundlich ſein ſollendes Lächeln an und ſagte:„der
Herr Doktor ſind ein Fremder, eben erſt in der Stadt angelangt?“
„Vor einigen Tagen. Ich wohne im engliſchen Hofe,“ ent⸗ gegnete auf dieſe Frage der Doktor. 1
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