220 Sechounddreißigſtes Kapitel.
Hauch der Frühlingsluft ihren Schmerz einigermaßen beſänf⸗ tigte und ihren Zorn in reichliche Thränen auflöste, die unter dem Schleier über ihre dicken Backen herabfloſſen. Wohin mich wenden? fragte ſie ſich ſelbſt und die Beantwortung dieſer Frage war nicht leicht. Soll ich nach Hauſe in meine einſamen Zimmer, kann ich mit verweinten Augen ins Theater oder zu einer Freun⸗ din, und welche von den letztern wäre paſſend, um ihr irgend eine fabelhafte Geſchichte, zu erzählen, die ihr Mitleid rege macht?— Daß Tante Eliſe natürlich nicht im Sinne hatte, das Vorgefallene, wie es ſich wirklich begeben, zu erzählen, kann ſich jeder Unbefangene ſelbſt denken. Da ſiel der armen Dulderin die Hofräthin ein, und ſie beſchloß, am Buſen dieſer fühlenden Frau, welche wußte, was Jammer des Herzens ſei, ſich auszuweinen. Hatte nicht die Hofräthin ihrerſeits den Augen⸗ der Tante Eliſe ebenfalls manches Thränenſpiel zum Beſten gegeben, und konnte Letztere deßhalb nicht ein Gleiches erwar⸗ ten? Geſagt, gethan. Es trieb die Honoratiorentochter eilen⸗ den Laufes durch die Straßen, ein allgewaltiges Schickfal jagte ſie und ließ nicht ab von ihr, bis ſte das Haus der Hofräthin erreicht, bis ſie die Treppen hinaufgeeilt, bis ſie die Glasthüre geöffnet hatte und nun bereit war, ins Zimmer zu ſtürzen an den Buſen ihrer mütterlichen Freundin. Hier ſtand ſie einen Augenblick ſtill und wunderte ſtch ein paar Sekunden lang, daß ſie Hofraths Mine nicht in der Küche beſchäftigt hörte. Doch da es zuweilen vorkam, daß dieſe Dame ihre eigenen Gänge zu beſorgen pflegte, in der Zeit des Zwielichts, wo die Hofräthin es außerordentlich liebte, in ihrer Sophaecke zu ſitzen und über ihr vergangenes freudenloſes Leben nachzudenken, und deßhalb auf das Treiben des Dienſtmädchens nicht genau Acht gab, ſo dachte die Honoratiorentochter, es ſei heute ebenfalls ſo, eilte in das Zimmer der Hofräthin und warf ſich, um ihren Eintritt recht ergreifend zu halten, ſchluchzend auf das Sopha und in


