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Anna. 17
drückt. Er bemerkte aber dabei nicht, daß zahlreiche Thränen durch ihre Finger quollen und daß ihr Buſen krampfhaft auf und nieder flog.
„Der zweite Akt meiner Oper iſt fertig,“ ſagte der Muſtker, nund das Duett in demſelben iſt mir, glaube ich, ſehr gelungen.
Natürlich iſt das nur dein Verdienſt, Anna, denn ich ſprach zu
dir, während ich ſpielte, dein Bild umgab mich in ſuͤßen Tönen — ja, wahrhaftig, wenn ich ein Maler wäre, oder wenn man in den Tönen Farben erkennen könnte, ſo würde man überall dein hellblondes, dichtes, liebes Haar durchflattern ſehen. Für
mich haben allerdings die Töne Farben, und die Menſchen ſind
mir Tonarten. Des-dur mit ſeiner tiefen Liebe, ſeinem Wohl⸗ klang, ſeiner ſanften Innigkeit biſt du, meine Anna, ich möchte meine ganze Oper in Des-dur ſchreiben, wenn das angienge— aber was iſt dir, mein Mädchen? du weinſt ja!“ fuhr der junge Mann fort und ſprang auf,„was fehlt dir, Anna? Um Gottes
willen, was haſt du?“ Er kniete neben ihr auf den Boden
hin, und ſie drückte die blonden Locken feſt an ſein Geſicht und er fühlte, wie das ihrige fieberhaft brannte.
Mehrere Minuten lang hielt er ſie feſt umſchlungen, und ihr Schmerz ſchien ſich allmählig zu legen; ſie erhob den Kopf wieder, machte ſich ſanft aus ſeinen Armen los und legte ihre beiden Hände auf ſeine Schultern.
„Charles,“ ſagte ſie,„mein Freund, mein Geliebter, wir müſſen ſcheiden! vielleicht auf immer!“
Der junge Muſiker ſprang in die Höhe und ſagte feierlich: „Scheiden?— So ſei es drum, wenn es ſein muß! Du haſt mich auf dieſen Augenblick lange vorbereitet— aber auf lange, auf immer?— Nein, Anna, gewiß nicht! Du weißt, ich habe dir nie nachgeforſcht, weil du es nicht gewollt; ich weiß nicht
einmal den Namen deiner Familie, und warum ſollte ich auch?
Hackländer, Namenl. Geſchichten. II. 2


