12
Bweiundzwanzigſtes Kapitel.
Zimmer haben konnte; von der Wand ſah man faſt gar nichts, denn ſie war dicht mit Epheu bekleidet und die ſchlanken beang Ranken umſpannen bereits die Fenſter und wiegten ſich in dieſe Augenblicke ſehnſüchtig auf den vollen Tönen eines Fortepiano, die aus dem Zimmer erſchallten.
Das junge Mädchen blieb einen Augenblick horchend ſtehen, und ihre ernſten, ja trotzigen Züge lösten ſich in angenehme Weichheit auf, als ſie raſch auf das Häuschen zueilte und in demſelben verſchwand. Sie durchſchritt das erſte Zimmer und blieb auf der Schwelle des zweiten ſtehen, laut und fröhlich lachend über die ausgezeichnete Unordnung, die ſich hier ihren Blicken darbot.
An dem Clavier ſaß ein junger Mann, der bei ihrem Ein⸗ tritte haſtig empor ſprang, und, obgleich man ihm die Freude wohl anſah, welche ihm dieſer Beſuch verurſachte, doch einen Augenblick ſchüchtern an ſeinem Stuhle ſtehen blieb, dann aber auf das Mädchen zueilte, welches ſich ihm leidenſchaftlich in die Arme warf, worauf er ihren lachenden Mund mit Küſſen bedeckte.
„Warum lachſt du wieder über mich?“ ſagte der junge Menſch nach einer kleinen ſüßen Pauſe;„ich habe geglaubt, ich hätte das Uebermögliche gethan, um mein Zimmer in Ordnung zu bringen.“
„Das muß ich geſtehen,“ entgegnete luſtig das Mädchen, „wenn du meinſt, ein Uebermögliches gethan zu haben, ſo
möchte ich einmal ſehen, wie es hier ausſähe, wenn deine Zim⸗ mer nach deinen eigenen Begriffen einmal in Unordnung gerathen wären.“— Bei dieſen Worten ließ ſie ſich auf einen Stuhl nieder, der junge Mann blieb neben ihr ſtehen, legte ſeine Hand auf ihre Schulter und folgte aufmerkſam und ſelbſt mitlachend den Bewegungen ihres Sonnenſchirms, mit welchem ſie die be⸗ rührte Unordnung klaſſiſicirte.
*


