Anna. 11
einen Kuß auf einen Schleier, ſelbſt wenn der Schleier ein ſo
ſcchönes Geſicht bedeckt, theuer genug bezahlt iſt.“
Die Droſchke, worin das Mädchen ſaß, rollte durch die obere und untere Stadt, verließ den Bezirk der ehemaligen Stadt⸗ mauer und die eigentlichen Grenzen der jetzigen Stadt, und der Kutſcher lenkte nach einer Vorſtadt, wo kleine Häuſer mitten in Gärten lagen, und worin der Wohlfeilheit der Miethpreiſe hal⸗ ber ſich Offiziers⸗Wittwen, penſtonirte Beamte, junge Kauf⸗ leute und Künſtler aller Art zuſammengefunden hatten. Ehe ſte die Vorſtadt erreichte, ließ das Mädchen den Wagen halten, ſtieg aus und gieng, in ihren Shwal gewickelt, tief verſchleiert weiter.
Der Kutſcher der dieſe Fahrt ſchon öfters gemacht zu haben ſchien, wandte ſeinen Wagen um, ſtellte ſich mit demſelben hinter eine alte Gartenmauer, befeſtigte für ſein Pferd einiges Heu auf der Spitze der Deichſel, und fiel alsdann auf ſeinem Bock in einen ſanften Morgenſchlummer.
Das Mädchen ſchritt durch einige enge Straßen, wandte ſich rechts, dann links und kam jetzt an ein großes Gartenthor, das ſte öffnete und durch das ſie eintrat.
Dieſer Garten ſchien von bedeutender Ausdehnung zu ſein, war größtentheils zum Gemüſebau angelegt, auch ſah man Fruh⸗ beete und Glashäuſer, und einige hundert Schritte vom Ein⸗ gang war eine Baumgruppe, zwiſchen welcher verſteckt ein kleines Haus lag, heimlich und reizend im friſchen jungen Grün, das eben aus den geſchwellten Knospen hervorgebrochen war, um⸗ duftet von Tauſenden von Veilchen, die an der Mauer und unter den Bäumen in großen Partieen wuchſen, und umſpielt von einer großen Menge Singvögel, die an dieſem ſchattigen, ſchönen Plätzchen ihre luſtigen Morgenlieder erſchallen ließen. Es lag etwas Geheimnißvolles und dabei Anmuthiges über dem kleinen Hauſe, das, nach der Höhe und Länge zu rechnen, nur zwei


