Teil eines Werkes 
2. Bd. (1851)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Zweiundzwanzigſtes Kapitel.

Aber ſagen Sie mir,fuhr er nach einer Pauſe fort,wo waren Sie in all' der Zeit? ich glaube, es iſt ein halbes Jahr. Hatten Sie die Stadt verlaſſen? hatten Sie? haben Sie Freunde gefunden, Anna, die es redlicher und beſſer mit Ihnen meinen, als ich, daß Sie mich ſo ganz vergeſſen können?

Das Mädchen ſchüttelte den Kopf und ſagte mit feſter Stimme: nnein, Herr Graf, ich habe Sie nicht vergeſſen, ich habe Ihrer beſtändig freundlich gedacht.

Nur freundlich, Anna?

Das Mädchen zuckte mit den Lippen und wollte ſie trotzig aufwerfen, und man ſah ſchon ihre ſchneeweißen Zähne hervor⸗ blitzen; doch fuhr ein ſchmerzliches Lächeln über ihre Züge, und ſte ſagte:gewiß Herr Graf, freundlich, recht freundlich, wie kann ich Ihrer anders gedenken?

Mit Liebe, Anna, mit ein klein wenig Liebe, entgeg⸗ nete der junge Mann und faßte ihre kleinen Hände, die ſte ihm ruhig ließ.

Mit Liebe? entgegnete das Mädchen, und ihre Zähne wurden abermals unter der Oberlippe ſichtbar;mit Liebe? Ei, Herr Graf, die läßt ſich nicht gebieten, die haben Sie auch nicht von mir verlangt. Dieſe Worte ſagte ſie in dem ſcharfen und ſchneidenden Tone, mit welchem ſie in vergangener Nacht zu ihrer Mutter geſprochen.

Ei, ei, Anna! ſagte der Graf lachend,Sie ſind immer noch dieſelbe Schwärmerin, eines der ſonderbarſten und liebens⸗ würdigſten Mädchen, die ich je geſehen. Aber jetzt Scherz bei

Seite! ich freue mich wirklich ganz ungemein, Sie wieder zu

ſehen, und ich hoffe, Sie werden nicht wieder ſo ſpurlos ver⸗ ſchwinden.

Die Züge des Mädchens hatten den früheren ruhigen und ernſten Ausdruck wieder angenommen; ja, ſte blickte ſchmerzlich auf, und doch leuchtete ihr Auge im nächſten Augenblick freudig,