Anna. 7
Haar, als er an einem kleinen Spiegel vorüber kam, drehte ſeinen ſchwarzen Schnurrbart aufwärts und trat in ſeinen Salon, ſehr geſpannt, wer die Dame wohl ſein möge.
Da ſaß dieſelbe in einem kleinen Fauteuil in ſehr eleganter Morgentoilette, ein grauſeidenes Kleid, blauer Atlashut, in einen großen Shwal gewickelt; ſie hatte ihren Schleier zurück⸗ geſchlagen, doch konnte der Graf im Augenblicke des Eintretens ihr Geſtcht nicht ſehen, da ſie angelegentlichſt den Blumentiſch voll prachtvoller Camellien, der etwas ſeitwärts ſtand, zu be⸗ trachten ſchien. Bei dem Geräuſche aber, das der Eintritt des Grafen verurſachte, wandte ſie ihren Kopf herum und Jener blieb erſtaunt in der Mitte des Salons ſtehen, mit dem über⸗ raſchten und freudigen Ausrufe:„Anna!— Anna, ſind Sie es wirklich? Sehe ich Sie endlich einmal wieder, Sie böſes Mädchen? Schöne blonde Fee, die plötzlich erſchien, um ſpur⸗ los wieder zu verſchwinden!“
„Ich bin es ſelbſt, Herr Graf,“ entgegnete das Mädchen mit ruhiger Stimme und heftete die großen dunkelblauen Augen feſt auf ihn;„ich muß geſtehen, ich bin mir einer Schuld gegen Sie bewußt.“
„Einer großen, Anna, einer ſehr großen! Sie hatten mir verſprochen“— er wollte eigentlich ſagen:„du hatteſt mir verſprochen, aber das Mädchen imponirte ihn—„Sie hatten mir verſprochen, ich dürfte Sie wieder ſehen und haben Ihr Ver⸗ ſprechen nicht gut gehalten! wie geſagt, Sie waren ſpurlos ver⸗ ſchwunden— o Gott, Anna! wenn Sie wüßten, wie ſehr ich
nach Ihnen geforſcht, wie ich die ganze Stadt nach Ihnen durch⸗
ſucht! Nein, Sie haben mich unverantwortlich behandelt!“— Der Graf lehnte ſich bei dieſen Worten an den Fenſtervorhang und verſank in ſtille Bewunderung beim Anblick dieſer reizenden Geſtalt und dieſes edlen, ſchönen Geſichts mit den ſeelenvollen Augen.


