Teil eines Werkes 
1. Bd. (1851)
Entstehung
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Unter dem Stadtgraben. 29

Gott! das arme kleine Kind, es hat mich gehört, hören Sie, wie es mir ein Zeichen gibt!

Und die Waſchfrau, der es ſchauderte durch das Fenſter zu ſehen, hörte wirklich, wie von innen an die Thür leiſe geklopft wurde drei leichte, dumpfe Schläge.

Raſch fuhr die Winklere in die Taſche, holte einen Schlüſſel heraus und öffnete die Hausthür, welche zugleich den Eingang zum Zimmer bildete. Es war hier früher einmal ein Laden ge⸗ weſen, aber die Specereiwaaren verdarben, weil das Gewölbe zu feucht war.

Klopfenden Herzens traten die beiden Weiber in das Ge⸗ mach, und ein kleines Mädchen von vier bis fünf Jahren lief eilig 9 auf die Winklere zu und verbarg ihr Geſicht in die Falten ihres Rockes.Ach Frau, ach Frau, ſagte das kleine Weſen,laßt mich nicht mehr allein, die Mutter lacht nicht und ſpricht nicht mit mir, freilich iſt ſie todt, habt Ihr geſagt, und der Kummer habe ſie todt gemacht, aber ich habe ihr ja nichts gethan, und mit mir könnte ſie doch wohl ſprechen.

Sei ruhig, mein Kind, ſagte die Winklere;das kommt Alles wieder. Und ſie trat mit gefalteten Händen und ſchweigend

3 vor das Bett der todten Mutter. Die Waſchfrau hatte ſich vor demſelben auf ein Knie nieder⸗ gelaſſen und betẽte leiſe und innig; das Kind kauerte ſich neben Kſte hin und legte die kalte ſtarre Hand auf ſeinen Kopf, um die Mutter zu vermögen, ihr durch die dichten Locken zu fahren, was ſie in früheren beſſeren Tagen ſo oft gethan.

Aermlich war das Gemach über alle Beſchreibung, ſo wie das Bett, in welchem die Todte lag; ein Stuhl mit einigem elendem Weißzeug und eine Kiſte in der Ecke, keine Truhe, die etwas Werthvolles verſchloß, ſondern eine einfache Kiſte aus weißen Brettern, mit Heu ausgefüllt, welches mit einem alten Weiberrock bedeckt war dort hatte das Kind geſchlafen.

I Die Todterlag auf ihrem Bette ausgeſtreckt, eine Hand auf 4 4 A