Teil eines Werkes 
1. Bd. (1851)
Entstehung
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. Unter dem Stadtgraben. 27 .Und von dem Vater hat man nichts gehört? fragte die

Waſchfrau,hat er ſie ſo elend zu Grunde gehen laſſen, die arme Marie?

Ach, daß ſich Gott erbarme, entgegnete die Winklere, was denkt ſo ein Herr weiter an ein armes bürgerliches Mädchen, wenn er ſie ins Unglück gebracht! Von ſich hören laſſen? ja, abgereist iſt er und hat ſte nicht wieder geſehen, und was hat er ihr zurückgelaffen? ein paar ſeidene Kleider, einen goldenen Ring und ſo etwas Flitterkram.

Ich mochte die Marie immer leiden, ſagte betrübt Frau Welſcher,es war ein gutes Geſchöpf, eine fleißige Näherin, aber immer etwas leichtſinnig.

Ob ſte ein gutes Geſchöpf war! ſagte die Winklere, und Thränen rollten über ihre Backen;wie hat ſie ihr Mädchen, das arme Kind, gepflegt! und ſie hat es recht gut erzogen und immer aufgeputzt, wie eine Puppe, ach, daran hat ſie ſich die Schwind⸗ ſucht an den Hals und zu todt genäht, Gott hab' ſie ſelig! Und als ſte nun endlich auf dem Bett lag und nicht mehr ausgehen konnte und auch am Ende nicht mehr im Bette nähen, und der Armendoctor kam, wie hat ſie es da getrieben? Obgleich ihr der Tod in den Augen ſaß, hat ſie ihn nie um ihren Zuſtand ge⸗ fragt, ſondern nur geſagt: Das Kind darf doch auch davon nehmen? das arme Kind i*ſt ſo ſchwach; und denken Sie nur, als

zer einmal Wein mitgebracht, da mußte die Kleine den Wein trinken, und die arme Creatur ſagte, es ſtärke ſie ſo viel mehr, wenn ſte ſehe, wie das Kind wieder zu Kräften komme, als wenn ſie den Wein ſelbſt trinke; ja, Frau Welſcher, ſchloß die Winklere ihre Rede und trocknete ihre Augen mit dem Halstuche: ves iſt viel

Elend in der Welt! Die Waſchfrau, deren Augen ebenfalls feucht wurden, ſchien

KAber etwas ernſtlich nachzudenken; ſie ließ die beiden Mägde in das Haus hinauf gehen und ließ ſie droben ſagen, ſie werde in

einer halben Stunde nach Hauſe kommen; dann beſann ſie ſich