Teil eines Werkes 
1. Bd. (1851)
Entstehung
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Unter dem Stadtgraben. 23

Jahren ganz gut an, wenn die junge hübſche Frau mit dem ſtatt⸗ lichen Manne in glänzender Livree Arm in Arm dahin wandelte. Sie hatten drei Kinder miteinander, als der Mann ſtarb, und der Frau blieb von ihm nichts übrig, als das Andenken an manchen guten und manchen böſen Tag, die ſie mitſammen ver⸗ lebt, ſowie die Kundſchaft einiger Hofdamen, die der ſelige Kut⸗ ſcher Welſcher beſtändig gefahren und in welch' angeſtrengtem Dienſt er ſich, ſo behaupteten nämlich ſeine Kameraden, den frühen Tod geholt; denn ſo eine Hofdame läßt nicht mit ſich ſpaſſen und ſpaßt auch nicht mit ihrem Kutſcher und ihren Pferden, und wenn Nachts alle Geſchöpfe zur Ruhe gegangen ſind, wenn ſogar Wachpoſten und Nachtwächter einnicken, ſo hört man gewiß noch eine verſpätete Equipage auf dem Pflaſter raſſeln einen Hofdamenwagen. Frau Welſcher hatte ſich bei ihrem Geſchäft und durch den Umgang mit vornehmen Leuten oder doch mit deren Kammer⸗ dienern und Kammerjungfern einen gewiſſen Grad von Bildung angeeignet, die ſonſt Leute ihres Ranges nicht beſitzen; hierdurch, ſowie durch einen außerordentlich rechtlichen und ehrſamen Lebens⸗ wandel hatte ſich die Frau nicht nur in dem Hauſe, wo ſie wohnte, ſondern im ganzen Stadtviertel, wo dieſes Haus lag, ein größeres Anſehen erworben, als ſelbſt der Polizei⸗Commiſſär zelaß. Sie wohnte in dem alten Kapuzinerkloſter und war bei häufig vorkom⸗ menden Streitigkeiten der Nachbarſchaft eine vollkommen competente richterliche Behörde, und wer bei einem Streit von ihr Unrecht bekam, der mochte ſein Urtheil in aller Geduld hinnehmen, denn eine Appellation dagegen würde ihm die ganze Nachbarſchaft für ein Majeſtätsverbrechen ausgelegt haben. Dieſes Anſehen nun, in welchem die Waſchfrau ſtand, äußerte ſich auch bei ihrem Erſcheinen ſogleich auf die heulenden Lampen⸗ anzünderinnen, ja ſogar auf den hartherzigen Steinmann. Die Weiber hörten auf zu weinen und eine beeilte ſich auf die Frage der Frau Welſcher nach dem Spectakel die ſchreckliche Urſache