Erſtes Kapitel. 8
und Lebensüberdruß verfiel, dem half die Menſchenhand nach und riß die alten Werke ebenſo emſig nieder, wie ſie dieſelben früher aufgebaut; die Gräben füllten ſich mit Schutt und Steinen, darüber wuchs Unkraut und Strauchwerk, Gras und Blumen, und dieſe verwesten wieder und wurden zu Staub und guter Erde, woraus wieder Neues erwuchs; und das ging ſo fort, bis ſich die tiefen Gräben langſam auffüllten; und da auf dem guten, feuchten Grunde hier Bäume trefflich heranwuchſen, ſo gab es unter ihren überhangenden Zweigen bald ſchattige, angenehme Spaziergänge.
Nur einer dieſer Gräben widerſtund hartnäckig jedem Ver⸗ ſuche ihn zu entfernen. Nachdem auf faſt allen Seiten der Stadt die Gräben verſchwunden und einige der alten Thürme und Thorbogen, mit dichtem Epheu bewachſen, nur noch als eine Merkwürdigkeit faſt mitten in der Stadt ſtehen geblieben waren, hatte ſich einzig und allein auf der Stelle, von der wir ſpre⸗ chen, der Graben in ſeiner ganzen Tiefe und Breite erhalten. Nicht als ob die Stadt hier in ihrem Wachsthum zurückgeblieben ſei,— im Gegentheil, ſie war hier ausgedehnter als irgendwo, und den alten Stadtgraben faßten auf beiden Seiten lange Reihen neuer Häuſer ein. 85.
Der erſte Grund zu dieſem hartnäckigen Feſthalten um ſeinem längſt nicht mehr zeitgemäßen Daſein war wohl, daß der alte Stadtgraben hier nicht ſo breit und tief war, wie anderswonund man wohl glauben mochte, wenn erſt die tieferen Stellen zuge⸗ ſchüttet ſeien, werde das Bischen hier von ſelbſt nachfolgen. Zweitens hielt ihn als eine Art Kirchhof das Volk heilig; denn an dieſer Stelle war bei den vielen erungen, welche die Stadt ausgehalten, Sturm und Vertheidigung beſtändig am hef⸗ tigſten geweſen; manch ein Bürger und Bürgerskind ſchlief da, niedergeſtreckt auf dem Felde der Ehre, den ewigen Schlaf. Mochte es nun die Rückſicht ſein, um die Gefallenen hier zu ehren und
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ihrer Ruheſtatt eine gewiſſe Weihe zu geben— genug,


