Unter dem Stadtgraben. 5
Herr und Herrin auf der Treppe werden immer bleicher, immer un⸗ beſtimmter und verſchwinden endlich in dem Dampf der Fackeln
und Kerzen; die geſpenſtigen Gäſte ziehen in die Nacht hingus
mit unhörbaxem Tritt, und obgleich die Damen von den Cava⸗ lieren aufs Beſte unterhalten werden, hört man weder ſprechen noch lachen: dunſtig und nebelhaft ſchweben ſie dahin und zer⸗ fließen vor dem nachſchauenden Blick, ehe ſie ihm verſchwinden. So hat jeder Platz auf der Erde, jedes Haus, das wir bewohnen, ſeine manigfachen Geſchichten, die ſich dem Auge des tiefer Schauenden bald anmuthig bald grauenhaft enthüllen. Vor Allem aber wollen wir in dieſem Sinne einen Platz ins Auge faſſen, auf welchem unſere einfache Geſchichte beginnt. Nicht als ob derſelbe große welthiſtoriſche Momente geſehen hätte, oder als ob auf demſelben viel Ungeheures geſchehen ſei—
nein, im Gegentheil, was hier geſchah und wie ſich dieſer Platz
im Laufe der Jahre änderte, ſo mag es auch an vielen andern Orten eben ſo geſchehen ſein; nur erinnern wir uns nicht, daß ſchon Jemand deſſelben anderswo mit einigen beſchreibenden Wor⸗ ten erwähnt hätte. 8 1. 3
Wie alle deutſchen Städte in vergangen g Tagen, ſo hatte auch die Reſidenzſtadt, von der wir eben ſprechen, in alten, mit⸗
telalterlichen Zeiten Wall und Mauer, breite Gräben und Zug⸗ brücken. Viele Schutzmittel gegen äußere Feinde zwängten die
wie in einen eiſernen Gürtel zuſamimen und geſtatteten lange nicht, daß ſich Leben und Treiben, Handel und Verkehr über dieſe engei Schranken hinaus ergoß. Als aber die Zeiten etwas milder wurden, oder die Stadt als feſter Punkt ihre Be⸗ deutung verlor, ode das immer mehr ſich regende Leben gewaltſam überſprudelte und vor den Mauern Häuſer erſtehen ließ, die hohnlachend über die abendliche Straßenſperre zu den alten
Thoren hereinſahen, da begannen dieſe allmählig zu verfallen, zuerſt die Mauern, dann die Thorbogen, dann die feſten Thürme, 3 ſich nicht von ſelbſt demüthigte und aus Altersſchwäche


