Frauen und Opfer. 249
chen kannte, immer in Zweifel und Aufregung gelebt, und deshalb nie in ſeligem Genügen ſich dem Gedanken an ihre geliebte Gegenwart hingeben können. Wir wollen nun nicht behaupten, daß er ſeit den vielen Jahren, wo er ſie nicht mehr geſehen, kein anderes Weib geliebt; nein, ſo etwas behauptet Niemand von einem jungen, ſchönen, lebhaften Manne, der fortwäh⸗ rend in der großen Welt lebt— er hatte gewiß ſeitdem viele geliebt, aber jetzt, wo Agnes vor ihm ſaß, ſie, die bleiche Mutter der beiden blühenden Kinder, die verheirathete Frau, die ernſte, ruhige, zurückhaltende Freundin, jetzt kam es ihm vor, als habe er ſeitdem kein anderes Weib angeſehen, und die ſelige Ueberzeu⸗ gung, daß dieſe Einzige bis zu ſeinem Tode ſeinem Auge ſich nicht entziehen werde, gab ſeiner Liebe die Ruhe des Beſitzes, die ſonſt nur ein feſtes Band gewährt!
Sie hingegen hatte die Elaſticität der erſten Jugend beim Anblick dieſes Jugendgefährten wiedergefunden. Sie kam ſich wieder wie ein junges Mädchen vor, der Ernſt ihrer Ehe, die Schmerzen ihrer Mutterliebe lagen wie ein dunkler Traum weit hinter ihr. Albert, deſſen ein⸗ ziger Fehler in ihren Augen ſein Mangel an Ernſt und tiefer männlicher Auffaſſung geweſen, war natürlich in ſeiner jetzigen melancholiſchen Lage wie das Ideal


