246 Frauen und Opfer.
Agnes empfand eine Pein wie nie. Weil ſie ſo gerne geblieben wäre, dünkte ſie es Sünde, ſie ſagte weinend:„Ich kann nicht, ich darf nicht.“
„Dann noch einen Vorſchlag. Schreiben Sie an Roſe. Ich ſchicke einen Boten mit dem Briefe nach Peſth. Bis morgen Abend kann er zurück ſein. Roſe iſt hart, aber nicht grauſam; das hat er gegen meine Schweſter, die doch an ihm geſündigt, bewieſen.“
„Er iſt nicht hart,“ ſagte Agnes unbedacht,„aber eiferfüchtig!“
„Auf mich? Und ein ſo grenzenlos ſchmerzlich ironi⸗ ſches Lächeln, ein Lächeln, das ſo ſichere Todesbotſchaft trug, ſchwebte um Alberts Mund, daß Agnes ihm nicht widerſtand und weinend ſagte:„Mag Gott mir verzeihen, ich bleibe bis morgen Abend.“
Sie ſchrieb an Wilhelm, ſie flehte, ſie bat, ſie theilte ihm in kurzen Worten die Urſache von Alberts Ver⸗ wundung mit, aber als der Reiter mit dem Briefe fort⸗ jagte, hatte ſte doch keine Hoffnung, daß ihr Gemahl ihr geſtatten werde, länger als bis morgen Abend hier zu bleiben. Aber ſie war nun ruhig, ſie hatte gethan, was ſie nicht laſſen konnte, und ſchämte ſich deſſen nicht, weil ſie ſich nur der reinſten Theilnahme bewußt war.
Sie mußte beinahe immer an Alberts Bett ſitzen, auch die Kinder blieben jetzt ſtill im Zimmer und ſahen


