240 Ein junges und ein altes Herz.
getrieben! In dieſem Augenblicke däuchte ihr, die wirk⸗ liche Flucht Ludmillens würde ſie unendlich weniger ge⸗ ſchmerzt haben, als die Lüge dieſer Flucht! Mit Wil⸗ helm hatte ſie das tiefſte Mitleid, und ſie beruhigte ſich ſeinetwegen erſt, als Albert vorſchlug, er wolle mit ihm weggehn. Auch Wilhelm neigte ſich gern dieſem Plane zu, denn ſeitdem er entdeckt, daß auch Albert an einer unglücklichen Liebe litt, ſeitdem fühlte er ſeine Abnei⸗ gung gegen ihn ſchwinden.
Den Fürſten wegen des Vorfalls im Saale zu be⸗ ruhigen, das übernahm endlich ſeine Gemahlin. Gegen Ludmillen war ſie trotz allen Kummers, den ihr dies ſo unähnliche Kind verurſacht, noch zu milde geſinnt, um ihrem Vater die ganze Wahrheit zu geſtehen. Sie be⸗ ſchloß deshalb in weiblicher Schlauheit, die ihr für Andere nie abging, ihm eine Geſchichte mitzutheilen, die halb Wahrheit, halb Dichtung, das Ganze zuletzt als einen übermüthigen Scherz, den Ludmille mit dem Jugendfreund getrieben, erſcheinen ließ.
Die Schuldige ſollte aber das Schloß verlaſſen, und zwar morgen ſchon wollte ihre Mutter ſie zu einer ihrer Schweſtern ſchicken, einer ſtolzen, verwittweten, kin⸗ derloſen Dame, die in der Nähe wohnte und durch ihr ſtrenges, übertrieben ceremonielles Weſen der Schrecken der Waldheim'ſchen Kinder war. Dahin beſchloß die


