Ein junges und ein altes Herz. 233
Alberts getäuſchten Stolz dachte er gar nicht, vor ſei⸗ nem innern Auge ſtanden nur zwei Perſonen, zwei, von denen eine ihn verrathen haben mußte, Ludmille oder Roſalie! Dieſe Verrätherin zu kennen und zu ſtrafen, war das einzige Verlangen ſeiner jungen Seele.
Er ging ſo raſch, daß ihm das kleine Mädchen nicht folgen konnte. Endlich blieb er ſtehen und wartete auf das Kind, und dann nahm er es an der Hand und riß es mit ſich fort.
Er ging nicht zum großen Hofthore herein. Er ſtieg über eine Hecke des Schloßgartens, er ſchlich an der Mauer des verlaſſenen Faſanenhofs her und öffnete dann eine kleine Thüre, die zu einer Seitentreppe führte. Als er ſo endlich in einen der Gänge des weit⸗
läufigen Schloſſes gelangt war, ſchallte ihm ſchon von
Weitem Muſik aus dem Saale, wo gewöhnlich die Familie ſich verſammelte, entgegen. Das änderte ſei⸗ nen Plan, zuerſt zu Roſalien zu gehen, denn er war beinahe jetzt ſchon feſt überzeugt, daß ſie ihn nicht ver⸗ rathen; denn wie wäre es möglich geweſen, in einem Hauſe, wo man eben die beabſichtigte heimliche Flucht der Tochter gehindert, ſich mit Muſik zu beſchäftigen? Kecken Schrittes, mit hochgehobenem Haupte betrat der junge Arzt den Hauptgang, der zum Saale führte.


