228 Ein junges und ein altes Herz.
nicht zu verhüllen. Sie ging die letzten Tage wie ein Schatten umher und ihr Anblick wäre beinahe vermö⸗ gend geweſen, Wilhelms ganze Freude zu trüben— aber— die Liebe macht die Männer egoiſtiſch, hatte ja die Fürſtin geſagt,— und ſo war es in der That bei Wilhelm. Statt ſeine arme Pflegemutter zu tröſten und ihr durch doppelte Anhänglichkeit den Schmerz, den er ihr bereitete und durch die Entführung ihrer Nichte noch bereiten wollte, zu verſüßen, mied er ſie, wo er nur konnte, um ihr bleiches Antlitz nicht zu ſehen, weil es mit dem Jubel ſeines verliebten Herzens nicht ſtimmte. Hun⸗ dertmal wollte Roſalie zu ihm ſchicken, um zu verſuchen, ob er ihr in Hinſicht Ludmillens kein Geſtändniß machen werde, und ihn dann warnen. Aber ſie that es nicht, weil eine ihr ſelbſt unerklärliche Scheu ſie davon abhielt.
Albert trieb in dieſer Zeit die Iſolirung ſo weit, daß er beinahe immer auf ſeinem Zimmer aß. Er hatte eine furchtbare Scene mit ſeinem Vater gehabt, und da er darnach es nicht mehr im Hauſe aushalten zu können behauptete, machte er täglich mit ſeiner Mutter, ſeiner einzigen Freundin, Pläne, wohin er gehen und womit er ſeine Zeit ausfüllen ſolle.
Es war ein trüber, regnichter Tag und dazu ein
Freitag, der Tag, an welchem Wilhelm abreiſen und
Ludmille ihm folgen ſollte.


