6 Agnes.
ſchuldigen belebten Augen, der ewig wechſelnde Aus⸗ druck ihrer Züge, der charaktervolle rothe Mund: wer hätte ihr nicht gerne zugehört, ſtundenlang, wäre es auch nur geweſen, um ihr bewegtes Antlitz anzuſehn! Zu Agnes liebenswürdigſten Eigenſchaften gehörte, daß ſie ganz und gar aller perſönlichen Eitelkeit er⸗ mangelte; ſie dachte nie an ihr Ausſehen— nie mehr an ihren Anzug, wenn ſie ihr Ankleidezimmer einmal verlaſſen. Hörte ſie im Vorübergehn, wie Jemand ſagte: Was das für ein ſchönes Mädchen iſt, ſo freute
ſie ſich, aber nur— weil ſie es ihrem Vater erzählen
konnte. An dem Abende, an welchem unſere Erzählung be⸗
ginnt, hatte ſie längere Zeit als gewöhnlich zu einem
Ballanzuge verwendet, denn ihr Vater hatte ihr em⸗ pfohlen, ſich zu dem großen Hoffeſte beſonders ſchön zu ſchmücken, weil man es ihr verargen könne, wenn ſie ſo einfach wie gewöhnlich erſcheine.
Einfach war ſie aber doch, weiß wie immer, einen Kranz von natürlichen Blumen im dunklen Haar, das ſie nach griechiſcher Art in einem ſchweren Knoten am
Hinterkopfe aufgeneſtelt trug; nur hatte ſte heute un⸗
gewöhnlich feine und duftige Gewänder und zwar meh⸗ rere über einander wie bei der Antike angelegt, und am Buſen und an den aufgefaßten Aermeln trug ſie drei


