— 17—
verſtändiger geworden war und Nachdenken genug be⸗ ſaß, das uns widerfahrene Unglück einigermaßen be⸗ greifen zu können.
Ich übergehe hier die nächſte Zeit nach jenem Un⸗ glückstage. Die Franzoſen hatten die Belagerung Weſels aufgegeben und waren ſüdlicher gezogen, einen günſtigeren Uebergangspunkt am Rheine ſuchend. Mein Vater, meine Mutter und ich waren wieder zuſammen, wir bewohnten gemeinſchaftlich ein Dachſtübchen in einer engen Gaſſe, aus deſſen kleinen Fenſterchen ich nichts als den Giebel des gegenſßherſtehenden Hauſes wahrnehmen konnte. In dieſem Dachſtübchen— ich habe davon eine lebhafte aber trlurige Erinnerung be⸗ wahrt— glaube ich noch meinen armen Vater zu ſehen, wie er, in ſeiner Troſtloſigkeit vor ſich hin brü⸗ tend, ſtill und ſchweigſam auf einem alten Seſſel mit drei Beinen ſaß, von Zeit zu Zeit mit den Händen nach ſeiner Bruſt griff und dabei leiſe Seufzer aus⸗ ſtieß. Meine Mutter, ſtill weinend, ſaß ihm gegenüber, ſtrickte langſam, trocknete ſich die Augen und ſah ohne Unterlaß meinen Vater ängſtlich, flehend, liebevoll an.
So verging eine lange Zeit. Wovon meine El⸗ tern damals eigentlich lebten, da mein Vater auch nicht
das Geringſte durch irgend eine Arbeit erwerben konnte, Fritz Stilling. I. 2


