Teil eines Werkes 
1. Theil, [1. Abt.] (1858)
Entstehung
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vor langer Zeit hier geathmet und gelitten hatte. Ja, ſie hatte gelitten unter dem Drucke des eiſernen, immer kalten, nur ſtandesgemäß lebenden Gatten, der früher ſogar noch ſtolzer und härter geweſen warals jetzt, woihn mannigfache Erfahrungen und Leidengezügelt und gemäßigt hatten. Alles ſtill wie das Grab, ſagte er leiſe, als er die herabgelaſſenen Vorhänge vor den Fenſtern und dem Al⸗ koven ſah, der nach ſeinem Zimmer hinein vorſprang und in welchem von jeher das Lager der darin Wohnenden geſtanden hatte.Ob ſie wohl darin iſt? fragte er wei⸗ ter und trat einen Schritt näher an den Alkoven heran. Gleich darauf hatte er den ſchleierartigen Vorhang der einen Seite zurückgeſchlagen und einen Blick in das Heiligthum einer jungfräulichen Seele geworfen.

In der That, ſie lag darin, und als der Baron dieſe Einſicht gewann, bebte er ſcheu zurück, wie vor einer Entweihung. Aber ſogleich fühlte er ſich beruhigt, denn ſein Auge begegnete einem Antlitz, einem Augenpaar, ſo ruhig, ſo mild und ſo wehmüthig ernſt ihn betrachtend, daß ſeine Angſt ihm ſofort benommen ward.

Raſch ſtellte er den Leuchter mit der brennenden Kerze auf einen Tiſch, und ehe er ſich ſelbſt Rechenſchaft davon gegeben hatte, was er thun oder laſſen wollte, ſaß er auf einem Stuhle vor dem weißen Lager und hatte die Hände der darin liegenden Nichte gefaßt.