Teil eines Werkes 
2 (1845) Ellen Middleton
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Gott ſegne Sie! ſagte Ellen ſchwach und ſchloß dann die Augen. Sie öffnete ſie bald darauf wieder, und ſprach zu Mr. Lacy in einem Tone der tiefſten Rührung:

Ach, Mr. Lacy, iſt es nicht ein reiches Glück, daß mir der Tod nicht eher geſendet wurde, als bis ich Zeit gefunden hatte, auf die Knie zu ſinken und zu beten:Gott hab' Erbarmen mit mir? Eine plötzliche Schwäche überfiel ſie und erſchöpft ſank ſie auf ihr Bett zurück.

Alle entfernten ſich in ſprachloſer Rührung. Nur Mi⸗ ſtreß Middleton blieb. Mit gefalteten Händen und überſtrö⸗ menden Augen bewachte ſie den Schlaf der blaſſen Dul⸗ derin. Das Bekenntniß, welches ſie aus Ellen's Munde vernommen hatte, beſchäftigte kaum ihre Gedanken; nur eine Idee, eine Ueberzeugung erfüllte ihre Seele: der Ver⸗ luſt dieſes theuern, angebeteten Weſens! Der Tod hatte ihr ihre Lieben einen um den andern geraubt. Bis dahin hatte ſie mit ihrem Kummer gehadert; nun aber, zum er⸗ ſtenmale, trug ſie ihn mit Ergebung. In der ſie umge⸗ benden Stille nahm ſie ihre Zuflucht zu Gott und in ihrem Jammer, ihrem Grame, in ihrer unbeſiegbaren Zärtlichkeit richtete ſie ſich empor und, ſich der zeitlichen Sorge ent⸗ ſchlagend, ſetzte ſie von nun an alle ihre Hoffnungen, ſtatt auf Menſchen und Geſchöpfe, nur auf Gott allein. Sie wagte nicht zu denken; deßhalb betete ſie nur.

Als Eduard zurückkam fand er ſeine Frau zwar viel ſchwächer, aber ruhiger als je zuvor. Sie empfing ihn mit einem Lächeln, das ihm die Seele durchſchnitt. Die entſetzensvolle Wahrheit ward ihm immer klarer: er ſah ein, daß er ſeine Ellen verlieren mußte, daß die Furcht und Hoffnung, zwiſchen welchen er ſchwebte ſeitdem ſie wie⸗ der in ſeinem Herzen herrſchte, der troſtloſen, unbezwingli⸗ chen Gewißheit weichen mußten, gegen welche das Gefühl ſich noch ſträubt, wenn der Verſtand ſich bereits unterworfen hat.

Die Worte, welche Mr. Lacy am Tage der erſten Zu⸗ ſammenkunft mit Eduard an ihn richtete, hatten Wurzel in ſeinem Herzen geſchlagen und peinliche Selbſtvorwürfe in ihm hervorgerufen. Hätte Ellen's Antlitz nicht eine ſo himmliſche Heiterkeit offenbart, wäre ihre Geiſt nicht ſo

reich an Hoffnung und Frieden geweſen, die beſänftigend