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Sie leſen müſſen. Sie müſſen es leſen, denn eine Stimme aus dem Grabe fordert Sie dazu auf. Sie müſſen es leſen, denn Ihre Frau ringt mit dem Tode, und es iſt nothwendig, daß ſie in Ihren Augen gerechtfertigt werde und daß Sie ihr verzeihen, bevor ihre Seele zu ihrem Schöpfer zurückkehrt. Hören Sie mich, Mr. Middleton, hören Sie mich! ſo wahr Sie Gott fürchten und hoffen, in Seinen Himmel einzugehen— nicht die Vertheidigung eines treulofen, nein! ſondern eines tief gekränkten, ſchwer verläumdeten Weibes nahm ich über mich; allerdings ſün⸗ digte ſie, aber nicht wider Sie. Gott vergab ihr durch meinen Mund; Er hat ſie an Seinem Altare empfangen, und Sie, den ſie ſo zärtlich, ja mit ſo leidenſchaftlicher
Angſt geliebt, dem ſie ihre ganze Seele hingegeben hat, wie
man ſie nur Gott hingeben ſoll— Sie wollten nicht ge⸗ währen, was ſie mit ſterbendem Munde von Ihnen for⸗ dert— Gerechtigkeit, die ich in ihrem Namen von Ihnen erflehe!
— Gott verzeihe mir! rief Eduard mit Entrüſtung aus, Gott verzeihe mir! denn ich kann ihr nicht ver⸗ zeihen! Sie ſagen, ſie hätte ſich mit ihrem Schöpfer ver⸗ ſöhnt. Ich glaub' es und ſie ſterbe in Frieden. Sie ſagte Ihnen, daß ſie mich liebte? Sagte ſie Ihnen aber auch, wie innig, wie glühend ich ſie geliebt habe? Welche Strafe verdient ein unerhörter Betrug, wenn der Betrogene leidet, wie ich leide? Sie ſagte Ihnen, daß ſie unſchuldig ſey, verleumdet worden wäre? Sagte ſie Ihnen denn auch, daß ich ſie zu den Füßen jenes Mannes antraf, der nun wahnſinnig iſt und vor deſſen Thüren der Tod ſteht— der mich ſelbſt faſt zum Wahnſinn trieb in der wilden Auf⸗ regung, die mich zur Rache anſpornte—— Gehen Sie, gehen Sie, Mr. Lacy! Beten Sie für ihr Heil, beten Sie mit ihr, aber von mir verlangen Sie keine Verzeihung!
— Haben Sie denn nicht gehört, Mr. Middleton? ha⸗ ben Sie mich nicht verſtanden? Ich wiederhole Ihnen auf das feierlichſte und mit der vollſten Ueberzeugung, welche
die allergenauſte Belanntſchaft mit der traurigen Lebensge⸗
ſchichte Ihrer Frau zu gewähren vermag, ſie ließ ſich nie


