ton trug das ſchwarze Kleid tiefer Wittwentrauer. Kaum vierzig Jahre alt waren ihre Haare frühzeitig ergraut; die träge Läſſigkeit, womit die eine Hand an ihrer Seite herabhing, während ſie mit der andern faſt ununterbrochen und gedankenlos auf den Tiſch trommelte, bewies genug⸗ ſam, daß Leiden, nicht din Zeit, ihre Lebensblüthe gebro⸗ chen hatten. 4
Ein Stickrahmen befand ſich neben ihr; ſie zog ihn nä⸗ her zu ſich heran und begann zu arbeiten. Nach einigen Stichen ließ ſie die Nadel wieder fallen, ſtützte den Kopf
auf das Geſtell des Rahmens und blieb in Gedanken ver⸗
ſunken, bis die hintere Thüre der Bibliothek ſachte geöff⸗ net wurde. Sie ſah in die Höhe und betrachtete ſchwei⸗ gend das reizende Weſen, das ſich ihr näherte, nach einem Kuſſe auf ihre Stirn Platz neben ihr nahm und an der Stickerei fortarbeitete, welche Miſtreß Middleton liegen ge⸗ laſſen hatte..
Was glich wohl dieſer lieblichen Erſcheinung? was die⸗ ſer reinen, zarten Stirn, dieſen ernſten Augen, dieſen blaſ⸗ ſen Wangen, dieſer bezaubernden Geſtalt?— Eine vom Sturm gebrochene Lilie? Eine Taube, die, aus ihrem Neſte geſcheucht, treu blieb trotz ihrer Furchtſamkeit?— Wie ängſtigend iſt der Ausdruck eines Angeſichts, wenn Blick und Geberde den Zügen völlig widerſprechen! Thränen in einem ſtarren, rauhen Greiſenantlitz; ein Lächeln der Freude auf bleichen, ſterbenden Lippen; Sorge und tiefer Gram auf friſchen, runden Wangen der Jugend: das iſt ein An⸗ blick, der uns überraſcht und mit Wehmuth erfüllt! Und ängſtigender noch war Alicens Erſcheinung. Eine unru⸗ hige Gemüthsſpannung hatte nach und nach zerſtörend auf die natürliche Beſchaffenheit ihrer Geſichtsbildung gewirkt; krampfhaft bebte ihre Hand, als ſie den Faden durch den Canevas zog, und obgleich ihr Benehmen gefaßt war, ihre großen Augen ruhig ſchienen, ſo erſchrak ſie doch bei dem geringſten Geräuſch.
— Was macht er nun? flüſterte Miſtreß Middleton mit kaum hörbarer Stimme.
— Er ſchläft, Gott ſey Dank! und er ſchläft ruhig.
—


