— 186— Leuchte in der Finſterniß, meine Friedenstaube inmitten
der Lebensſtürme und in Deinem Glück werd' ich meinen
eignen Kummer vergeſſen. Tauſend Grüße an Deinen lieben Eduard von Deiner Dir herzlich ergebenen
Mary Middleton.“
Der Kelch war endlich voll; ich leerte ihn bis auf die Hefen. Kein Wunder, wenn ich wahnſinnig geworden wäre! Von Eduard verſtoßen, von Heinrich's unglückſeli⸗ ger Leidenſchaft verfolgt, von dem Herz meiner Tante ge⸗ waltſam geriſſen, des Mordes beſchuldigt— was blieb mir übrig?— Konnt' ich nicht gehen und in der finſtern, kalten Tiefe des Stromes unſtörbare Ruhe ſuchen für dies aufgeregte, lang gequälte Herz? Konnt' ich nicht Gift neh⸗ men und im Todeskampfe Eduard zu mir rufen laſſen?
Sterben? Nein! ich hatte nicht den Muth zu ſterben! ich zitterte vor dem Tode; aber ich wollte mir ein leben⸗ diges Grab ſuchen, weit aus dem Angeſichte derer fliehen, die mich liebten, und jener, die mich haßten.
Eduard verbot, daß mein Name vor ihm genannt werde; er ſollte nie wieder als der Name eines lebenden Weſens ausgeſprochen werden! Ich wollte einen andern annehmen und in irgend eine Einöde fliehen, um verborgen des To⸗ des zu harren, deſſen Annäherung die zunehmenden Symp⸗ tome einer Krankheit verkündeten, welche ich in den letz⸗ ten Tagen entdeckte und an der hektiſchen Farbe meiner Wangen, an einem qualvollen Huſten, an meinem fieber⸗ haften Körperzuſtande erkannte. Da wollte ich allein le⸗ ben, allein leiden, allein ſterben!—
Zufällig fielen meine Augen auf eine Abbildung der
Kathedrale von***, welche über dem Kamine meines Zimmers hing. Ein wunderſames, ahnungsvolles Gefühl
bemächtigte ſich meiner. Es dünkte mich, als ob mein Ge⸗ ſchick mich dahin zoge. Ich wandte meine Blicke ab und ver⸗ ſuchte zu denken, aber ich vermocht' es nicht. Eine ſelt⸗ ſame Angſt verfolgte mich und ſo oft meine Augen wieder auf das Gemälde fielen, ſagte mir eine innere Stimme: unter dieſen heiligen Gewölben, in dieſen düſtern Chor⸗ gängen würde ich Rettung, Ruhe finden, Dort würde


