— 138— nicht nur wegen meines Vergehens, ſondern wegen mei⸗
nes langen Schweigens meiner feigen Verſtellung we⸗ gen. Nein, ich hatte allzuviel gelitten in den wenigen Augenblicken, wo mir das Geſtändniß ſchon auf den Lip⸗ pen ſchwebte! Was auch kommen mochte, ich wollte, ich konnte ihm die Wahrheit nicht entdecken! aber durfte ich dann mein Geſchick an das ſeinige knüpfen? durfte ich Erbin von meines Onkels Vermögen werden? durfte ich jemals Elmsley in Beſitz nehmen und, wie Belſazar, der eine Hand Worte an die Mauer ſchreiben ſah, inmitten aller Freuden, welche die Welt zu geben vermag, den Strom ſehen, in welchen meine Hand das Kind meiner Tante, die Couſine Eduard's ſtürzte? Und mußte ich nicht fürchten, angeklagt, verrathen zu werden von Heinrich, deſſen Drohungen während dieſer langen Nacht ſich zu verwirklichen begannen:„Jedes Liebeszeichen, das du ei⸗ nem andern gewährſt, bezahlſt du mit einem Qualgefühl der Angſt, mit einem Schauer des Schreckens, mit einem Gedanken an mich!“ 3
Gegen Morgen fiel ich in einen kurzen, ſchweren Schlum⸗ mer, worin ich Eduard zwanzigmal mein Geheimniß ent⸗ hüllte und vor dem Altare mit ihm ſtand, von welchem mich bald Heinrich's, bald meines Onkels Hand hinweg⸗ riß. Dieſe Träume und meine Gedanken während der ſchlafloſen Stunden der Nacht durchkreuzten ſich ſeltſam in meinem Geiſte, als ich erwachte. Müde und abgeſpannt ging ich hinab in das Wohnzimmer. Hier fand ich Eduard, der mich verwundert fragte, warum ich ſo ſpät käme, und ob ich nicht Willens wäre, in die Kirche zu gehen?
— Heute? warum heute in die Kirche? fragte ich.
— Es iſt Aſchermittwoch, antwortete er, der hehrſte Faſttag im Jahre.
— O, dann geh' ich ſogleich, und zwar ohne zuvor zu frühſtücken; dieſe Entſagung kömmt mir nicht hart an, denn ich habe nicht den geringſten Appetit.
Ich nahm meinen Hut und meinen Shawl zur Hand, und wir gingen zuſammen zu Fuße fort, da mein Onkel und meine Tante ſchon vor uns weggefahren waren. Ich


