Teil eines Werkes 
1 (1845) Ellen Middleton
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Ob ich Heinrich jemals geliebt habe, entgegnete ich, iſt mir ſelbſt ein Geheimniß Ich darf, glaub' ich, mit Wahrheit ſagen, daß ich ihn nie geliebt habe, obgleich es einen Augenblick gab, wo ich ihn zu lieben glaubte. Und wenn Sie geſtern zu mir gekommen wären und mir ge⸗ ſagt hätten, daß mein Onkel in eine Heiratb mit ihm ein⸗ willige, ja daß er ſie wünſche, wenn Sie, Sie ſelbſt von mir verlangt hätten, daß ich die Frau Ihres Bruders werden ſollte, ſo würde ich mich geweigert haben ge⸗ ſtern, heute, immer!

Dann haſt Du Dich mit ihm gezankt, erwiederte ſchnell Miſtreß Middleton, und ſeine unglückſelige Heirath iſt die Folge eines verletzten Gefühls, vielleicht eines Miß⸗ verſtändniſſes zwiſchen Euch. Armer Heinrich!

Der Ton, womit meine Tante dieſe Worte ſprach, war etwas gereizt, und ich war ſchon im Begriff, ihr zu ent⸗ decken, was Heinrich in unſerer letzten Unterredung ſo dringend von mir begehrte, als ich in demſelben Augenblick das Ungroßmüthige einer ſolchen Rechtfertigung fühlte. War ich übrigens nicht in ſeiner Gewalt? und durft, ich

wagen, denjenigen anzuklagen, der das Geheimniß meines Schickſals in ſeiner Hand hielt? Ich verſchloß daher mein Herz und meine Lippen blieben ſtumm.

Meine Beſorgniſſe für das Glück ihres Bruders und ſeiner jungen Frau kam ihr nun weniger räthſelhaft vor. Sie war allem Anſchein nach der Meinung, daß ich mir auf irgend eine Weiſe bewußt ſey, unrecht gegen Heinrich gehandelt und ihn zu ſeiner Heirath getrieben zu haben, und daß ich deßhalb alles, was in meinen Kräften ſtand, aufbot, mein Unrecht wieder gut zu machen. Kaum hatte ſie aber das Papier zur Hand genommen und die erſten Worte hingeſchrieben, als ſie die Feder niederlegte und aus⸗ rief:Aber, wenn er ſie nicht liebt, was konnte ihn bewe⸗ gen, ſie zu wählen? uns Alle unglücklich zu machen! eine ſolche Verbindung freiwillig einzugehen! Ich kann's nicht verſtehen!

Sie beſtürmte mich noch mit Fragen in Betreff Alicens, über meinen Beſuch in Bridman, über Heinrich's Beneh⸗ 98