Teil eines Werkes 
1 (1845) Ellen Middleton
Einzelbild herunterladen

126

und Mr. Middleton, glaub' ich, iſt nicht anders geſtimmt. Denkſt Du der Zeit, Mary, wo Du neben meinem Bette ſaßeſt, Deine Lippen auf meine Stirne drückteſt und mir erzählteſt, wie lieb Du mein Weib haben wollteſt? Wir ſprachen oft von ihr und machten uns gern eine Vorſtel⸗ lung von ihr. Sie ſollte groß, ihre Augen ſollten ſchwarz ſeyn und lange Wimpern ſie überſchatten. Ihr Hals ſollte weiß ſeyn und anmuthig wie ein Schwanenhals. Geiſt ſollte aus ihrem Blicke leuchten und Beredtſamkeit aus ihrer Sprache. Und Du Schweſter, Du wollteſt an mei⸗ nem Hochzeittage den Orangenblüthenkranz aufs dunkle Haar der Braut ſetzen. Du denkſt daran, nicht wahr? Nun, meine Frau iſt ſchön, ſehr ſchön, aber nicht ſo, wie die, welche wir uns vorſtellten, oder vielmehr die, an welche wir dachten, denn, Schweſter, wir ſahen ſie, nicht wahr? ſahen wir ſie nicht uns zur Seite im Glanze ihrer Schönheit? Schauten wir nicht ſo lange auf ſie, bis wir meinten, ſie wäre zu ſchön, zu edel für die Erde un⸗ ter ihren Füßen? Meine Braut küßteſt Du aber nicht. Sie ſtand neben mir und Du warſt nicht da, um ihr zu ſagen:Gott ſegne Dich! Sie legte ihre kalte Hand in die meinige und ſah mir feſt ins Angeſicht. Ihren Wan⸗ gen fehlte die Farbe, ihrer Stimme der Ausdruck. Es war Alles ſo ruhig, wie das Leben, das vor mir liegt. Mary, Du würdeſt wohl daran thun, mir zu ſchreiben und mir Glück zu wünſchen; und ſage Ellen, ſie möchte Gleiches thun. Aber zeige meinen Brief nicht Deinem Manne; der Brief iſt nicht ernſt genug, um Gnade vor ſeinen Au⸗ gen zu finden. Dein treuer Bruder, liebe Mary. Heinrich Lovell.

Es lag etwas unausſprechlich Schmerzliches für mich in dem Tone dieſes Briefes; er ſchien ſich zum Theil auf meine letzte Unterredung mit Heinrich zu beziehen. Ein reines, unſchuldiges Leben, ſagte er, würde geopfert wer⸗ den und hoffnungsloſem Unglück anheim fallen, wenn ich auf meiner Weigerung beſtünde. Ich beſtand darauf, und Alice wurde geopfert, obgleich ich nicht wußte, welcher ge⸗