ich meine ganze Kraft nöthig hätte, um meinem Vorſatz treu bleiben zu können. Es kam mir nie in den Sinn zu offenbaren, was ich gethan; wenn irgend jemand mich an⸗ geklagt hätte, würde ich, das fühlte ich, es entweder nicht überlebt haben, oder entflohen ſeyn, oder mir das Leben genommen haben. Ich weiß nicht wie: doch herrſchte in meiner Seele ein unbeugſamer Entſchluß und ſo wie in den erſten Augenblicken nach Juliens Tode ich nicht reden konnte, ſo wollte ich es jetzt nicht Mit jeder Stunde befeſtigte ſich dieſer Entſchluß, denn jede Stunde, die mein Still⸗ ſchweigen verlängerte, jedes Wort, das ich ausſprach, oder das vor mir über dieſen Gegenſtand ausgeſprochen wurde, machte mir die Selbſtanklage moraliſch unmöglich.
Als der Tag nach und nach der Dämmerung wich, ward mir die Einſamkeit meines Zimmers unerträglich; ich irrte im Hauſe umher, ſuchte mich irgend einem lebenden Weſen zu nähern, und entfloh demungeachtet nach einer andern Richtung, ſobald ich das mir entgegenkommende Geräuſch eines Trittes, oder den Ton einer Stimme vernahm. End⸗ lich gelangte ich unbemerkt in den Salon; hier ſetzte ich mich bald nieder, bald ging ich unruhig auf und ab, bis zuletzt die Thüre geöffnet ward und mein Ontkel hereintrat. Er kam zu mir, legte ſeine Hand auf meine Schulter und ſagte mir mit einer Rührung, die er zu bemeiſtern ſuchte:
— Du biſt jetzt unſer einziges Kind, Ellen!
Meine Geſichtszüge mußten ohne Zweifel in dieſem Au⸗ genblick einen ſeltſamen Ausdruck gehabt haben, denn er ſah mich mit Staunen an, und ſagte dann in noch lieb⸗ reicherem Tone:„Geh' zu Deiner Tante, ſie wird ſich nicht für kinderlos halten, da Du uns geblieben biſt.“
Ich empfand eine unausſprechliche Bangigkeit, und kal⸗ ter Schweiß bedeckte meine Stirn; doch, alle meine Kräfte zuſammennehmend, ſtand ich auf und eilte entſchloſſen nach dem Zimmer meiner Tante. Der tiefſte Kummer ſprach ſich in ihrem Angeſichte aus, ihre Hände brannten fieber⸗ haft, ihr Kopf glühte. Ich ſetzte mich neben ſie und ſuchte mit friſchem Waſſer ihre Schläfe zu kühlen. Von Zeit zu Zeit ſtützte ſie ihr müdes Haupt auf meine Schulter;


