Warum ſtarb ich damals nicht!
Ich ward eben ſo wenig wahnſinnig, denn ich erkannte in ihrem ganzen Umfang die entſetzensvolle Wirklichkeit des Geſchehenen; aber die Worte: Sie hat ſie ums Leben gebracht! ſtanden in Flammenſchrift vor meinen Augen und tönten unaufhörlich vor meinen Ohren.
Wer hatte ſie ausgeſprochen?
Hierin lag das Geheimniß meines Schickſals!
II.
Ich weiß nicht, wie lange ich wie eingewurzelt auf der⸗ ſelben Stelle blieb. Die furchtbarſte Angſt ſchnürte mir das Herz zuſammen; kalter Schweiß bedeckte meine Stirn; ich vermochte kaum mich zu rühren, noch einen Laut her⸗ vorzubringen. Es ſchien mir, als wollten meine Augen aus ihren Höhlen treten: ich wollte ſie ſchließen und ver⸗ mochte es nicht. Ich ſah den Strom vor mir: er brauſ'te, er ſchäumte; der Schaum erſchien mir wie ein Leichentuch, das Brauſen des Waſſers erklang meinem Ohr wie ein Angſtgeſchrei. Auch ich ſtieß einen Schrei aus— einen Schrei des Entſetzens; dann ward ich plötzlich ſtill, denn ich vernahm raſche Schritte in der Galerie und der Schreck lähmte meine Glieder. Es war die Beſchließerin und der Arzt. Dieſen hörte ich ſagen:„Bringt ihr das andre Mädchen; vielleicht weint ſie, wenn ſie das Mädchen ſieht.“ Ich zitterte heftig. Da ich nicht zu hören ſchien, was ſie mir ſagten, obgleich mir kein Wort entging, nahm mich der Doktor in ſeine Arme und trug mich wie ein Kind in den Salon. Miſtreß Middleton befand ſich in demſelben, ihr Angeſicht war leichenblaß. Bei meinem Anblick erbebten ihre Lippen, aber ſie ſprach nicht und weinte nicht. Sie winkte mit der Hand, hielt dann ihren Kopf an die Thüre und ſchien mit einer unausſprechlichen Angſt zu lauſchen. Von dem Orte, wo ich ſtand, glaubt' ich zu hören, wie das Herz ihr klopfte. Fünf bis ſechs Minuten gingen


