Teil eines Werkes 
1 (1845) Ellen Middleton
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Sie die Wohnung für ein zweites Halbjahr miethen. Nein! ſagte ſie, ſechs Monate ſind genug. Was ſie da ſagte, war ſicherlich ganz natürlich; ich glaube aber, wenn Sie zugegen geweſen wären, hochwürdiger Herr, und es mit angehört hätten, ſo würd' es Ihnen vielleicht nicht ſo ganz natürlich erſchienen ſeyn.

Iſt das Frauenzimmer, von dem Sie reden, nicht in tiefer Trauer, und wohnt ſie nicht von Zeit zu Zeit dem Gottesdienſte in der Cathedrale bei?

Ja wohl!, hochwürdiger Herr, ganz recht, und ſie iſt immer ſchwarz gekleidet. Sie ſetzt ſich an den Pfeiler, wo Miſtreß Jones, Gott hab' ſie ſelig, die brave Frau! zu ſitzen pflegte, als ſie noch am Leben war.

Ich hab' es wohl bemerkt: ohne Zweifel iſt ſie krank und unglücklich. Iſt Ihnen vielleicht etwas von ihren Schickſalen bekannt?

Nicht das mindeſte, hochwürdiger Herr. Ich ſehe nur, daß ſie einen Trauring trägt, und daß ihr Geräthe mit einem E und einem M gezeichnet iſt. Und doch nennt ſie ſich Miſtreß Rodney.

Unterhält ſie ſich zuweilen mit Ihnen?

O ia, doch ſpricht ſie nicht viel mit mir. Vergan⸗ gene Woche brachte mir Joe Irving, der Gärtnerburſche von Clomley⸗Lodge, einen großen Blumenſtrauß es waren Dahlien und chineſiſche Aſtern zum Geſchenk. Ich trug die Blumen in das Zimmer der Miſtreß Rodney, während ſie in der Kirche war; ich ſetzte ſie in Krügen auf den Tiſch und das Kamin, wo ſie ſich gar hübſch aus⸗ nahmen. Als ſie nach Hauſe kam, ſchien ſie überraſcht, dankte und plauderte eine Zeitlang mit mir ganz munter. Während ſie ſo daſtand und ſprach, kroch ein Inſekt zwi⸗ ſchen den Blättern hervor; ich wollte es tödten, aber ſie hielt mich davon ab, indem ſie meine Hand ergriff. Und ſehen Sie, hochwürdiger Herr, ihre Hand war ſo glühend, wie eine der Kohlen da und das Händchen iſt doch ſo weiß und ſo zart! Als ich ihr zu gleicher Zeit ins Geſicht ſchaute, be⸗ deckte Fieberröthe ihre Wangen und ich kann Ihnen nicht ſagen, wie bleich ihre Lippen waren. Sie ſind ſehr