Teil eines Werkes 
1 (1845) Ellen Middleton
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wollte; aber ſie weigerte ſich. Da meinte der Doktor, er könne nicht errathen, was ihr fehle, und wenn er das nicht kann, wer ſollt' es dann können? Wie ich nun ſagte, hochwürdiger Herr, ich hoffe, daß es keine Sünde iſt, zu wünſchen, daß das arme junge Mädchen nicht ohne Arznei für ihren Leib oder ohne den Troſt der Gnade für ihre Seele ſterbe.

Zuverläſſig! Ihr Wunſch iſt ganz gerecht und der Verſuch, ein ſo ſchreckliches Freigniß zu verhüten, iſt Chri⸗ ſtenpflicht. Aber wer iſt denn die Perſon, von der die Rede iſt?

Sie wohnt bei mir in der Miethe ſeit ſechs Wochen.

Wie heißt ſie? fragte Herr Lacy.

Miſtreß Rodney, hechwürdiger Herr.

Hat ſie keine Freunde, die Ihnen bekannt ſind? Und wie brachte ſie in Erfahrung, daß Sie Wohnungen zu ver⸗ miethen haben?

Sie hielt ſich, ich glaube, es war an einem Montag, in dem Wirthshauſe zur Roſe auf; ſie fragte Herrn Chap⸗ man, ob er ihr nicht in der Stadt ein ruhiges und an⸗ ſtändiges Haus empfehlen wollte, wo ſie eine Wohnung miethen könnte. Herr Chapmann iſt jederzeit dienſtfertig, es iſt ein prächtiger Mann und ein guter Nachbar, der Herr Chapman; er erwiederte ihr, daß ihm grade eine Wohnung bekannt ſey, die ſich ganz und gar für ſie eigne So kam ſie denn am Morgen darauf, um meine Zimmer anzuſehen, die ſie alſogleich in Miethe nahm. Aber ſie gab ſich nicht eher zufrieden, als bis ſie auf einmal den Haus⸗ zins für ſechs Monate vorausbezahlt hatte, und als ich mir die Freiheit nahm, ihr zu ſagen, daß ſie das nicht thun ſollte, weil ſie leicht Reue bekommen könnte, da ward ſie bitterböſe auf mich. Und doch hat ſie das ſanfteſte Ge⸗ ſichtchen von der Welt! Ungeduldig ſprach ſie zu mir: Neh⸗ men Sie dies Geld, Sie müſſen es durchaus nehmen! Da dachte ich bei mir: vielleicht bildet ſie ſich ein, ich hätte keine Luſt, ſie zu mir ins Logis zu nehmen! Ich entgegnete ihr daher ganz unbefangen: Nun gut: ich hoffe, wann die ſechs Monate abgelaufen ſeyn werden, werden