nicht leicht geweſen, ihr Alter zu errathen, denn ihr Ant⸗ litz zeigte einen Ausdruck von Gemüthsunruhe und hef⸗ tiger Aufregung, welche man in der Regel ſelten bei Perſonen wahrnimmt, die ſich noch in den Jugendjahren der Pilger⸗ ſchaft des Lebens befinden. Ihr Arm ruhte auf einem der Pfeiler; ſie ſtützte ihren Kopf darauf in dem Augenblick, als der Gottesdienſt begann. Während der ganzen Dauer deſſelben blieb ſie unbeweglich mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen; ſie kniete weder, noch ſtand ſie auf nach dem Beiſpiele der Anweſenden. Nur einmal, als die Orgel die erſten Noten einer der ſchönſten Geſänge unſrer Kirche hören ließ, erhob ſie ſich, gleichwie durch eine maſchinenmäßige Bewegung, von ihrem Sitze, und nahm einen Augenblick darauf ihre frühere Stellung wieder ein.
Als nach beendigtem Gottesdienſt alle Gläubigen den heiligen Ort verlaſſen hatten, kam Herr Lacy an dem Platze vorbei, wo die Fremde noch unbeweglich und gleich⸗ wie in tiefen Gedanken verſunken, ſaß. Beim Geräuſche ſeiner Schritte, als er ihr nahe kam, erbebte ſie; haſtig die Kirche verlaſſend, trat ſie in eine kleine, derſelben gegenüber liegende Straße. Zwei oder dreimal, während der darauf folgenden 14 Tage, bemerkte Herr Lacy dieſelbe Perſon an derſelben Stelle und auf dieſelbe Weiſe ſich be⸗ nehmend. Seine Neugierde wurde lebhaft aufgeregt, aber er wagte es nicht, die Unbekannte anzureden. Er hatte auch von dem Sakriſtan nicht erfahren können, wer ſie ſey, und eben ſo vergeblich waren ſeine Erkundigungen bei eini⸗ gen Perſonen, welche regelmäßig dem Gottesdienſte bei⸗ wohnten. Ein Zufall begünſtigte mit einemmale die Nach⸗ forſchungen des würdigen Geiſtlichen.
Während Herr Lacy am Abende vor Allerheiligen, an welchein Tage er predigen ſollte, in ſeiner Wohnung eif⸗ rig mit der Ausarbeitung ſeiner Feſtrede beſchäftigt war, klopfte es plötzlich leiſe an ſeine Thür Er ſah gleich dar⸗ auf eine Frau von bereits vorgerücktem Alter eintreten, die er ſchon lange Zeit kannte, und welche ſich bei ihm Raths zu erholen gewohnt war, wenn ihr in ihrem Geſchäfte — ſie war Zimmervermietherin— ein Fall vorkam, der
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